Anthropic IPO, Strategy verkauft Bitcoin & Software schwankt extrem
In der aktuellen Ausgabe des Podcasts “Aktientalk” sprechen unser Goldesel Michael Flender und Daniel von Investflow über das anstehende Mega-IPO von Anthropic, die aktuelle IPO-Euphorie und die möglichen Folgen für die Finanzmärkte.
Außerdem beleuchten unsere Experten den ersten Verkauf von Bitcoin im Portfolio von Strategy überhaupt und den weiter extrem volatilen Software-Sektor. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatten Software-Aktien einen massiven Kursanstieg hinter sich, der allerdings in den letzten beiden Handelstagen teilweise schon wieder zu Nichte gemacht wurde.
Letztlich geht es noch um einen Angriff von Nvidia im PC-Bereich mit negativen Folgen für AMD und Intel und um Aussagen von Nvidia-CEO Huang zu Marvell Technologies und Nebius.
Welche negativen Folgen die aktuellen Mega-IPOs haben könnten, warum Strategy seine ersten Bitcoins verkauft hat und was im Software-Sektor gerade wieder los ist, das und vieles mehr erfahrt ihr in der aktuellen Podcast-Episode bei Apple Podcasts, Spotify oder direkt bei Youtube.
Softwareaktien melden sich eindrucksvoll zurück
Die letzten Monate waren für viele Softwareinvestoren alles andere als angenehm. Operativ haben zahlreiche Unternehmen solide bis starke Zahlen geliefert, aber der Markt hat die Zukunftserwartungen regelrecht zusammengestutzt. Teilweise waren Bewertungen so weit gefallen, als würde es manche Firmen in ein paar Jahren kaum noch geben.
Genau deshalb war die jüngste Gegenbewegung so heftig. Ein großer Software ETF legte innerhalb von nur zwei Tagen um rund 11 Prozent zu. Einzelne Aktien aus den Bereichen Cloud, Cybersecurity und Infrastruktur haben sich seit ihren Tiefs teils um 20, 30, 40 oder sogar 50 Prozent erholt. In manchen Fällen ging es noch schneller.
Das ist für alle, die durchgehalten haben, natürlich Balsam für die Seele. Gerade nach einer Phase, in der fast nur über Überbewertung, Druck auf Margen und AI Konkurrenz gesprochen wurde. Wichtig ist aber auch: Die erste massive Gegenbewegung könnte bereits gelaufen sein. Viel Geld ist schon in den Sektor zurückgeflossen, Shortseller dürften teilweise gedeckt haben und jetzt muss sich erst einmal ein neues Gleichgewicht finden. In den letzten Tagen hat der Sektor wieder eine scharfe Korrektur erlebt.
Die Börsenparty ist extrem konzentriert
Ein Punkt wird aktuell leicht übersehen: Die Stimmung fühlt sich zwar insgesamt sehr bullish an, aber die Party findet längst nicht überall statt.
Von den 500 Aktien im S&P 500 lagen zuletzt nur rund 20 auf Allzeithoch. Und von diesen 20 hatten nur eine Handvoll nichts mit KI zu tun. Das zeigt, wie eng die Marktbreite inzwischen geworden ist. Die großen Gewinner kommen vor allem aus den Bereichen:
- KI Infrastruktur
- Halbleiter
- Netzwerk und Rechenzentrumsanbieter
- Cybersecurity
- ausgewählte Softwareplattformen
Abseits davon läuft vieles deutlich verhaltener. Selbst klassische Qualitätswerte oder Dividendentitel vermitteln aktuell keineswegs den Eindruck einer breiten Hausse. Das ist wichtig, weil sich der Markt dadurch robuster anfühlt, als er in Wahrheit vielleicht ist.
Wenn nur ein relativ kleiner Teil der Börse die Indizes nach oben zieht, steigt das Risiko, dass Rückschläge in genau diesen Lieblingen den Gesamtmarkt schnell unter Druck setzen.
Nvidia greift mit ARM den PC Markt an
Bei Nvidia gab es zuletzt gleich mehrere spannende Entwicklungen. Besonders interessant ist der Vorstoß in den PC Markt. Gemeinsam mit Arm will das Unternehmen eigene Prozessorlösungen für Windows-Notebooks etablieren und damit den Wettbewerb im klassischen PC-Segment aufmischen.
Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen richtet sich der Angriff direkt gegen etablierte Player wie Intel und AMD. Zum anderen steckt dahinter auch die größere Vision, leistungsfähige und energieeffiziente Chips zu bauen, die sich mit Apples M Serie messen können.
Für Microsoft wäre das ebenfalls eine gute Nachricht. Denn wenn Windows Geräte durch starke ARM basierte Systeme attraktiver werden, könnte das das Ökosystem insgesamt stärken.
Für Intel ist diese Entwicklung dagegen eher unangenehm. Die Aktie hatte sich zuletzt zwar erholt, aber zusätzlicher Wettbewerbsdruck ausgerechnet von Nvidia macht die Lage kaum entspannter.
Der entscheidende Punkt ist aber größer als nur ein neues Produkt: Nvidia arbeitet längst daran, sich nicht mehr nur als KI Chiplieferant zu positionieren, sondern als Technologieplattform, die an immer mehr Stellen in der Wertschöpfungskette mitverdient.
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Jensen Huang bewegt Kurse und das ist nicht nur ein gutes Zeichen
Besonders spektakulär war die Reaktion bei Marvell. Nachdem Jensen Huang sich sehr positiv über das Unternehmen geäußert hatte und Marvell sogar das Potenzial für eine Billionenbewertung zuschrieb, schoss die Aktie zeitweise massiv nach oben.
Die Story dahinter ist nachvollziehbar. Marvell liefert Netzwerk- und Konnektivitätschips, die für moderne Rechenzentren extrem wichtig sind. Wenn Tausende Hochleistungschips miteinander kommunizieren sollen, braucht es genau diese Infrastruktur. In einer Welt, in der immer größere KI Cluster aufgebaut werden, ist das ein kritischer Bestandteil.
Auch Unternehmen wie Oracle, CoreWeave oder Nebius profitieren in diesem Umfeld, weil sie Rechenleistung, Infrastruktur oder Cloudkapazitäten bereitstellen. Das alles hängt zusammen und bildet die bekannte KI Kreislaufwirtschaft: Einer investiert, der nächste liefert, der nächste skaliert und alle reden sich gegenseitig mit nach oben.
So weit, so plausibel. Aber genau hier liegt auch ein Warnsignal.
Wenn ein CEO mit einer optimistischen Aussage bei einem bereits hunderte Milliarden schweren Unternehmen zweistellige Kursbewegungen auslöst, dann ist das kein Zeichen für einen ganz nüchternen Markt. Das erinnert zumindest an Phasen, in denen FOMO stärker wird als Fundamentalanalyse.
Das muss nicht bedeuten, dass sofort alles zusammenbricht. Aber gesund wirkt es nicht mehr, wenn Superlative allein schon reichen, um Bewertungen noch weiter aufzublasen.
Anthropic IPO als mögliches Warnsignal für den Gesamtmarkt
Ein weiteres Thema, das man ernst nehmen sollte, ist die anziehende IPO Welle. Anthropic hat die Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Das Unternehmen wurde in einer jüngsten Finanzierungsrunde schon mit rund 965 Milliarden Dollar bewertet. Noch im Februar lag die Bewertung deutlich niedriger.
Die Investorenliste liest sich wie ein Who is Who der Techwelt:
- Amazon mit einem sehr großen Investment
- Google mit weiteren Milliarden
- Interesse von Microsoft und Nvidia
Natürlich haben diese Konzerne ein strategisches Interesse daran, dass starke KI Player hohe Bewertungen erzielen. Genau das macht die Sache so interessant. Denn wenn die größten privaten Techunternehmen fast gleichzeitig an die Börse drängen, dann ist das historisch oft ein Zeichen dafür, dass das Umfeld gerade besonders aufnahmefähig ist.
Unternehmen wählen selten zufällig den Zeitpunkt für einen IPO. Sie gehen typischerweise dann an den Markt, wenn die Nachfrage hoch ist, die Multiples ambitioniert sind und möglichst viel Kapital eingesammelt werden kann.
Das bedeutet nicht automatisch, dass danach alles fällt. Aber wenn Anthropic, SpaceX und womöglich weitere Schwergewichte in kurzer Zeit riesige Summen absorbieren wollen, kann das sehr wohl Kapital aus anderen Bereichen abziehen oder zumindest die Risikobereitschaft des Marktes auf die Probe stellen.
Spannend bleibt dabei: Anthropic ist operativ offenbar enorm stark unterwegs. Das Wachstum soll extrem dynamisch sein und sogar Profitabilität auf Quartalsbasis scheint inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Wenn das so bleibt, könnte Anthropic für andere KI Schwergewichte sogar zum Problem werden, weil plötzlich sichtbar wird, wer im B2B Bereich wirklich die stärkste Dynamik hat.
Bubble oder nicht? Der wichtige Unterschied zur Dotcom Zeit
Der Vergleich mit der Dotcom Blase kommt aktuell wieder häufiger auf. Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht, weil die Stimmung an manchen Stellen tatsächlich an alte Exzesse erinnert. Vor allem dann, wenn Aktien aufgrund von Schlagzeilen, Visionen oder CEO Aussagen explodieren.
Trotzdem sollte man nicht alles in einen Topf werfen.
Der große Unterschied zu damals ist: Viele der heutigen KI und Softwareunternehmen haben reale Umsätze, oft hohe Margen und vor allem wiederkehrende Erlöse. Damals wurden teilweise Firmen mit kaum belastbarem Geschäftsmodell zu absurden Preisen gekauft, nur weil Umsatzwachstum irgendwie möglich schien.
Heute sind die Bewertungen teilweise sehr ambitioniert, keine Frage. Aber sie stehen oft auf einem deutlich stabileren Fundament als in der alten Internetblase.
Die vernünftigste Einordnung lautet deshalb wahrscheinlich:
- Es gibt reale Substanz und echte Gewinner.
- Es gibt gleichzeitig klare Übertreibungstendenzen.
- Beides kann über längere Zeit parallel existieren.
Strategy verkauft Bitcoin und alle drehen durch
Für Schlagzeilen sorgte auch die Nachricht, dass Strategy Bitcoin verkauft hat. Das klang zunächst dramatischer, als es tatsächlich war. Verkauft wurden gerade einmal 32 Bitcoin. Dem gegenüber steht ein Bestand von mehr als 843.000 Bitcoin.
Die Relation zeigt schon, wie klein dieser Schritt in Wahrheit ist.
Als mögliche Gründe wurden mehrere Punkte diskutiert:
- Liquiditätsbedarf, unter anderem im Zusammenhang mit Ausschüttungen
- steuerliche Effekte durch die Realisierung einzelner Verluste
- ein strategisches Signal an den Markt, dass selbst kleine Verkäufe das große Narrativ nicht zerstören
Gerade der letzte Punkt ist spannend. Kritiker argumentieren seit langem, dass Strategy mit seinem riesigen Bestand den Bitcoin Markt quasi dominieren könne. Ein kleiner Verkauf könnte daher auch dazu dienen zu zeigen, dass Bitcoin nicht sofort kollabiert, nur weil das Unternehmen einmal auf der Verkäuferseite steht.
Für langfristig orientierte Bitcoininvestoren ändert sich dadurch im Kern wenig. Die Nachricht hatte zwar Einfluss auf die Stimmung, aber kein wirkliches Gewicht für die strategische Gesamtstory.
Alphabet braucht frisches Kapital und das ist ein echter Paradigmenwechsel
Eine der spannendsten Entwicklungen kommt von Alphabet. Das Unternehmen, das jahrelang Aktien zurückgekauft und aus dem eigenen Cashflow heraus investiert hat, muss nun zusätzliches Kapital mobilisieren, um die gewaltigen KI Investitionen zu stemmen.
Geplant ist offenbar, Aktien im Wert von rund 80 Milliarden Dollar auszugeben. Hintergrund sind die immer weiter steigenden Investitionsbedarfe, insbesondere für Rechenzentren, Chips, Infrastruktur und Cloudkapazitäten.
Das ist deshalb so bemerkenswert, weil es zeigt: Selbst die ganz Großen stoßen an Grenzen. Die Cashflows sind riesig, aber die KI Aufrüstung verschlingt mittlerweile Summen, die früher kaum vorstellbar waren.
Ob das in ein paar Jahren als genial oder als völlig überzogen gilt, wird sich erst noch zeigen. Bei Alphabet spricht allerdings einiges dafür, dass die Investitionen sinnvoll sind. Google Cloud wächst stark, Gemini entwickelt sich gut und das Unternehmen besitzt ein gewaltiges Ökosystem.
Trotzdem bleibt festzuhalten: Wenn selbst Alphabet neue Mittel aufnehmen muss, zeigt das, wie kapitalintensiv dieser Wettlauf inzwischen geworden ist.
Hewlett Packard Enterprise überrascht mit starken Zahlen
Auch bei Hewlett Packard Enterprise gab es ein echtes Ausrufezeichen. Der Konzern legte starke Quartalszahlen vor und überzeugte vor allem mit hohem Umsatzwachstum sowie einer robusten Prognose.
Besonders auffällig waren die Wachstumsraten in den Bereichen:
- Networking mit starkem Zuwachs
- Data Center mit einem noch dynamischeren Anstieg
Das passt perfekt ins aktuelle Marktbild. Alles, was beim Aufbau und Betrieb moderner KI Infrastruktur hilft, bekommt Rückenwind. Server, Netzwerke, Rechenzentrumsarchitektur, Speicher, Kühlung, Verkabelung, Konnektivität. Der Markt sucht gerade entlang der gesamten Wertschöpfungskette nach Gewinnern.
Die starke Reaktion der Aktie zeigt einmal mehr, wie aggressiv derzeit positive Überraschungen belohnt werden.
Warum bei Software trotz Rallye noch Luft nach oben sein könnte
Trotz der jüngsten Kursfeuerwerke gibt es gute Gründe, den Softwaresektor weiterhin genau zu beobachten. Denn nicht alle Aktien haben die Erholung im gleichen Maß mitgemacht.
Gerade Unternehmen, die als Rückgrat vieler Geschäftsprozesse fungieren, wirken weiterhin interessant. Dazu zählen vor allem Plattformen für Unternehmenssoftware, Automatisierung und CRM. Mehrere Namen stechen hier heraus:
- SAP
- ServiceNow
- Salesforce
Diese Unternehmen haben in der jüngsten Berichtssaison weitgehend gezeigt, dass ihre Produkte nicht einfach ersetzbar sind. Viele Zahlen waren besser als befürchtet, teilweise sogar klar positiv. Besonders in Cybersecurity war die Stärke ohnehin unübersehbar. Werte wie CrowdStrike, Cloudflare oder Rubrik haben das unterstrichen.
Bei SAP ist die Situation besonders spannend. Die Aktie hat zwar ebenfalls eine Erholung gezeigt, aber nicht in dem Ausmaß wie manche US Konkurrenten. Gleichzeitig wirken Bewertung und Wachstumsaussichten inzwischen deutlich attraktiver als noch in früheren Hype Phasen.
Wenn ein Unternehmen im Schnitt zweistellig wachsen soll, eine solide operative Basis hat und nicht jede gute Nachricht schon im Kurs vollständig verarbeitet ist, dann kann das im aktuellen Umfeld durchaus interessant sein.
Auch ServiceNow ist ein gutes Beispiel dafür, wie brutal der Markt zuvor übertrieben hatte. Trotz der starken Erholung liegt die Aktie noch klar unter früheren Höchstständen. Das zeigt: Eine heftige Gegenbewegung muss noch lange nicht bedeuten, dass alle Bewertungsreserven aufgebraucht sind.

Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Der Autor ist in den folgenden besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse investiert: ServiceNow, SAP, Salesforce.