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Gefährdet erhöhte Volatilität die Jahresendrally?

Untypisch für den durchschnittlichen Jahresverlauf steigt die Volatilität derzeit an, anstatt zu fallen. Welche Bedeutung hat dies für den Aktienmarkt?

Eigentlich sollte in diesen Tagen der Startschuss für einen positiven Jahresausklang fallen. Der Aktienmarkt erreicht typischerweise im September oder Oktober ein Tief. Der Rest des Jahres verläuft danach positiv. Oftmals bezieht sich die Jahresendrally auf die letzten Tage des Jahres nach Weihnachten. In der Praxis ist die Periode der Outperformance gegenüber den anderen Zeitfenstern des Jahres länger und beginnt nach Erreichen eines Tiefs im September oder Oktober.

Diese Saisonalität wird von der Volatilität auf den Punkt gebracht. Bis Juli sinkt die Volatilität, gemessen am S&P 500 Volatilitätsindex VIX. Diese Zeit gehört zum stärkeren Halbjahr, auch wenn das Sprichwort „Sell in May and go away“ heißt. Oftmals sind Juni und Juli noch gute Monate.

Ab Juli beginnt die Volatilität zu steigen und erreicht zum Monatswechsel September/Oktober ein Hoch. Danach beginnt sie wieder zu fallen (Grafik 1). Anstatt seit gut drei Wochen wieder zu fallen, steigt die Schwankungsbreite an. Dies kann sich zwar jederzeit wieder ändern, doch es bringt die Sorge zum Ausdruck, die Anleger haben. Dies gilt für Europa noch mehr als für die USA.

Seit Beginn der aktuellen Zwischenkorrektur haben europäische Märkte stärker verloren als US-Indizes. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Wirtschaftslage in Europa schlechter ist als in den USA und der Nahostkonflikt für die europäische Wirtschaft potenziell einen größeren Schock bedeutet.

Wie sich die Lage weiterentwickelt, kann niemand vorhersagen. Man kann aber analysieren, was ein Anstieg der Volatilität im Normalfall bedeutet. Der Anstieg führte den VIX über die Marke von 20 Punkten. Dies ist ungefähr der langfristige Durchschnittswert. Bis Ende vergangener Woche blieb der VIX an 105 aufeinanderfolgenden Handelstagen unter dieser Marke. Wird eine solche Ruhephase unterbrochen, hat dies für die Volatilität selbst keine Bedeutung.

In manchen Phasen ist es erst der Auftakt zu einem weiteren Anstieg, wie z.B. 2018 und 2019. In anderen Phasen wird der langfristige Abwärtstrend nur kurz unterbrochen. Das war etwa 2004, 2006 oder 2013 der Fall (Grafik 2). Der Anstieg der letzten Wochen sagt wenig darüber aus, ob ein weiterer Anstieg zu erwarten ist. Dafür aber hat ein Ende einer Ruhephase für die Kursentwicklung bei Aktien Bedeutung. Ein Ende einer Ruhephase deutet an, dass das Tief nicht weit ist. Das Tief wird allerdings nicht mit Ende der Ruhephase erreicht, sondern in den Folgewochen (Grafik 3). Das war 2015, 2018 oder 2019 gut zu beobachten. Vorausgesetzt, dass ein Schock wie 2008 mit dem Bankrott von Lehman Brothers ausbleibt, sollte sich der Rücksetzer kurzfristig fortsetzen, der Markt ohne tiefe Korrektur danach allerdings wieder steigen. Aktuell ist ein positiver Jahresausklang noch nicht gefährdet.

Clemens Schmale

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