2023 hätte bisher noch besser sein können
Eigentlich kann man sich über die Performance in diesem Jahr nicht beklagen. Trotz der guten Performance verläuft 2023 bisher allerdings ungewöhnlich schlecht.
Zunächst die guten Neuigkeiten: Der Juni ist vorbei und ist traditionell eher ein schwacher Monat. Die frühsommerliche Schwächephase haben Indizes rund um die Welt gut überstanden. In den USA ist der Juni der viertschwächste Monat des Jahres. Schlimmer sind lediglich Februar, August und September (Grafik 1).

Dabei kommt es nicht darauf an, ob man die vergangenen 30 oder 70 Jahre betrachtet. Die typische Saisonalität während eines Jahres hat seit Jahrzehnten Bestand und scheint sich nicht wesentlich zu verändern. Kürzere Zeitfenster wie jenes seit 2010 sind für einzelne Extremwerte anfällig. So erklärt sich, dass der Juli in den vergangenen Jahren besonders gut verlief, der Dezember allerdings relativ schlecht.
Die gute Performance wird vor allem durch die Performance 2022 und 2020 ins Positive verzerrt. Die ungewöhnlich schwache Dezemberperformance lässt sich auf 2018 und 2022 zurückführen. Einzelne Jahre weichen immer wieder ab und ist der betrachtete Zeitraum klein, haben diese Einzelwerte einen größeren Einfluss.
Die Saisonalität gibt keine Garantie. Sie zeigt lediglich die Tendenz. Demnach können sich Anleger auf einen weiteren guten Monat freuen. Betrachtet man nicht die Rendite einzelner Monate, sondern den typischen Jahresverlauf (Grafik 2), ergibt sich ein erfreuliches Bild. 2023 verläuft besser als zu erwarten war. Die Kursgewinne sind höher als im Durchschnitt, der Verlauf hält sich aber an die Erwartung.

Aus der Kursentwicklung ergibt sich daher kein Grund, weshalb der Juli schlecht verlaufen sollte. Danach, bis Ende September oder Anfang Oktober, ist mit Stagnation zu rechnen. Das gilt vor allem für Vorwahljahre. Die Seitwärtsbewegung beginnt in diesen Jahren wie üblich im August. Sie dauert allerdings länger. Anstatt Ende September oder Anfang Oktober ein Tief auszubilden und dann in die Jahresendrally überzugehen, beginnt die Jahresendrally in Vorwahljahren später, frühestens im November.
Für ein Vorwahljahr war 2023 bisher ungewöhnlich schwach. US-Indizes hätten fast fünf Prozentpunkte mehr steigen können. Gefühlt war die Performance in diesem Jahr sensationell. Das mag für den Nasdaq 100 gelten, nicht aber für den breiten Markt, gemessen am S&P 500, Dow Jones oder Small Cap Index Russell 2000.
Ob die Underperformance noch wettgemacht wird, hängt vom Juli ab. In Vorwahljahren passiert danach bis Jahresende typischerweise nur noch wenig. Man kann darauf wetten, dass es dieses Jahr anders ist. Die Argumente für eine solche Wette fehlen allerdings. Der US-Markt ist hoch bewertet und der Kompromiss im Haushaltsstreit bindet der Regierung Biden die Hände bei den Staatsausgaben. Große Wahlgeschenke, die die Wirtschaft anschieben, sind nicht zu erwarten.
Clemens Schmale
Dieser Beitrag ist zuerst auf stock3.com erschienen.
Hier geht es zu allen meinen Beiträgen auf stock3.com