thyssenkrupp: Klimafreundlicher Zement in Heidenheim und TK Accelis auf dem Weg zu höheren Margen
Kurzüberblick
thyssenkrupp rückt gleich an zwei Fronten vor: In Heidenheim (Baden-Württemberg) läuft eine Pilotanlage für deutlich klimafreundlicheren Zement, während die thyssenkrupp-Strategie mit dem anstehenden Börsengang der Tochter TK Accelis auf höhere Margen und klarere Verantwortlichkeiten abzielt. Für Anleger sind vor allem die nächsten Schritte rund um die Abspaltung sowie der Zeitplan für die CO2-Infrastruktur entscheidend.
Die Heidenheimer Forschungsanlage produziert nach Betreiberangaben täglich bis zu 450 Tonnen Klinker und setzt im Drehofen auf reinen Sauerstoff statt Luft, wodurch ein nahezu reiner CO2-Strom entsteht. Parallel treibt thyssenkrupp die geplante Ausgliederung von TK Accelis voran: Eine außerordentliche Hauptversammlung ist für den 7. August angesetzt, der Börsengang soll noch in diesem Kalenderjahr erfolgen. An der Börse steht die Aktie bei 12,14 Euro, seit Jahresanfang legt sie um 30,43 Prozent zu.
Marktanalyse & Details
Klimafreundlicher Zement: Techniktest statt fertige Großlösung
Der Kern des Heidenheimer Ansatzes liegt im Prozess: Während herkömmliche Drehöfen Luft einblasen und dabei neben CO2 auch Stickstoff in den Gasstrom gelangt, erzeugt der Einsatz von reinem Sauerstoff einen CO2-Strom, der sich nach Angaben der Projektbeteiligten leichter abtrennen lässt. Das kann den Weg für spätere CCS-Lösungen ebnen, also für das Abscheiden und dauerhafte Speichern von CO2.
Wichtig bleibt jedoch der Realitätscheck entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Für das CO2 aus der Pilotanlage sei bislang keine konkrete Verwendung vorgesehen. Ob und wann es gespeichert werden kann, hängt stark davon ab, wie schnell Transport- und Speicherinfrastruktur aufgebaut wird.
- Vier europäische Zementhersteller investieren insgesamt mehr als 120 Millionen Euro in die Forschungsanlage.
- Das Projekt ist als Testumgebung für spätere Großanlagen ausgelegt.
- Das CCS-Gesetz schafft zwar rechtliche Voraussetzungen für die Speicherung im Meeresboden, die praktische Umsetzung benötigt aber Infrastruktur.
- Das Tempo beim Ausbau der Transport- und Speicherinfrastruktur wird laut Schätzungen auf etwa sieben bis zehn Jahre veranschlagt.
Analysten-Einordnung: Die technische Machbarkeit ist hier ein wichtiges Signal, aber für die Bewertung der Industrietechnik zählt vor allem der Skalierungsgrad. Dies deutet darauf hin, dass Anleger den Fortschritt weniger am Pilotoutput festmachen sollten, sondern an messbaren Meilensteinen für Infrastruktur, Genehmigungen und spätere Anlagenkonzepte. Für thyssenkrupp Calvion kann das Projekt damit strategisch wertvoll sein, wirtschaftlich aber erst bei realen Durchsatz- und Speicherketten im größeren Maßstab voll zur Wirkung kommen.
TK Accelis: Börsengang und Zielpfad für Profitabilität
Im operativen Teil steht TK Accelis im Fokus: Das Unternehmen will Umsatz und Ergebnis in den kommenden Jahren verbessern. Mittelfristig peilt TK Accelis ein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum von mehr als vier Prozent an. Zusätzlich soll sich die Marge auf das bereinigte EBITDA auf vier bis fünf Prozent verbessern.
- Geschäftsjahr 2024/25: Umsatz 11,4 Milliarden Euro, bereinigte EBITDA-Marge bei 2,0 Prozent.
- thyssenkrupp plant die Abspaltung und den Börsengang von TK Accelis noch im laufenden Kalenderjahr.
- thyssenkrupp will dabei eine Mehrheit von 51 Prozent halten.
- Über die Abspaltung soll eine außerordentliche Hauptversammlung am 7. August entscheiden.
Die Idee dahinter: thyssenkrupp will sich zunehmend zu einer Finanzholding umbauen, in der Sparten als eigenverantwortliche Einheiten agieren. Für Anleger heißt das: Der Markt kann Bewertungen differenzierter ansetzen, sofern die einzelnen Einheiten ihre Zielpfade belastbar erreichen.
Kapitalmarkt-Signal und Branchenumfeld
Zusätzlich liefern Kapitalmarkt-Details Hinweise auf das Interesse größerer Investoren: In einer Stimmrechtsmitteilung meldete Amundi per 20. Juli einen Anteil von 4,82 Prozent der Stimmrechte; einschließlich Instrumenten beträgt der Anteil 5,06 Prozent. Parallel wurde das Kursziel für thyssenkrupp von 14,50 Euro auf 16 Euro angehoben – mit Einstufung auf Buy.
Der Blick auf die Stahlbranche zeigt zugleich das Umfeld, in dem thyssenkrupp operativ wirtschaftet: Die Rohstahlproduktion stieg im ersten Halbjahr auf rund 18,6 Millionen Tonnen, lag aber weiterhin unter den für eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung als relevant beschriebenen Größenordnungen. Schwache Nachfrage aus Bau, Maschinenbau und Auto bleibt ein Risiko, während EU-Zollregeln seit Juli den Wettbewerb durch Billigimporte zügeln sollen.
Fazit & Ausblick
Für die nächsten Wochen stehen bei thyssenkrupp vor allem die Entscheidungen rund um TK Accelis im Kalender: Am 7. August entscheidet die außerordentliche Hauptversammlung über die Abspaltung, danach rückt die Umsetzung des Börsengangs in den Mittelpunkt. Parallel bleibt der Heidenheim-Test ein Langfrist-Thema, dessen wirtschaftlicher Nutzen eng an den Ausbaupfad für CCS-Infrastruktur gekoppelt ist.
Für Anleger bedeutet das: Kurstreiber dürften eher die Transaktions- und Margenfortschritte bei TK Accelis sein, während der Klimazement-Ansatz vor allem als strategische Option zählt, deren Hebelwirkung erst mit der Skalierung und dem tatsächlichen CO2-Speicherzugang sichtbar wird.
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