Stagnation und höhere Inflation, wie geht das?
Der Wirtschaft geht es besser als angenommen. Besser ist immer noch nicht gut. Trotzdem ist die Inflation noch hoch. Wie kann das sein?
Ob in den USA oder Europa, die wirtschaftliche Aktivität ist moderat. Im vierten Quartal 2022 schrumpfte die Wirtschaft in einigen europäischen Ländern. Das könnte man als Folge der Energiekrise abtun, wären da nicht auch die negativen Wachstumsraten aus anderen Regionen wie Taiwan, Thailand, Malaysia, Südkorea oder die Stagnation in weiten Teilen Asiens und die Abschwächung des Wachstums in den meisten anderen Weltregionen. Auch hier lässt sich ein Grund finden. Chinas Wirtschaft stockte Ende 2022. Viele asiatische Länder sind mit der chinesischen Wirtschaft stark verknüpft. Trotz all dieser Sonderfaktoren lässt sich nicht ignorieren, dass viele Industrien mit sinkender Nachfrage zu kämpfen haben. In den USA, die von der Energiekrise und China größtenteils isoliert waren, liegt der Anteil der Industrien, die sinkende Aktivität vermelden, bei einem Drittel (Grafik 1).

Es geht schlechter, doch dass ein Drittel sinkende Aktivität vermeldet, ist kein guter Wert. Vor allem die Industrie befindet sich in einer Krise. Das hat gute Gründe. Wer Güter herstellt, kämpft mit den Folgen der Pandemie. Konsumenten kauften so viele Güter wie nie und irgendwann ist der Bedarf an neuen Sofas, Fernsehern und Mikrowellen nun einmal gedeckt.
Bei Inputpreisen für Güter zeigt sich seit längerem ein Abwärtstrend. Die Outputpreise folgen dem Trend (Grafik 2). Ist dies der Fall, haben Produzenten keine Preismacht. Outputpreise sind in etwa äquivalent zu dem, was Konsumenten bezahlen

Anders sieht es bei Dienstleistungen aus. Diese werden nach wie vor vermehrt nachgefragt. Obwohl die Inputpreise weniger stark steigen, ist der Aufwärtstrend bei den Outputpreisen nach wie vor intakt (Grafik 3). Dienstleistungsanbieter haben eine große Preismacht.

Dienstleistungen machen den Großteil der Gesamtinflation aus. Bleibt die Dienstleistungsinflation hoch, kann kein Sieg über die Inflation ausgerufen werden. Wieso aber ist die Preismacht bei Dienstleistungen so groß?
Zum einen besteht noch Nachholbedarf nach der Pandemie. Zum anderen haben Konsumenten hohe Reserven gebildet. Noch immer liegt das Ersparte bei US-Konsumenten über eine Billion über Trend (Grafik 4). Wer viel Erspartes und Nachholbedarf hat, zahlt auch höhere Preise.

Das produzierende Gewerbe schwächelt. Es gibt Lichtblicke, doch von einem großen Aufschwung kann man nicht reden. Obwohl Teile der Wirtschaft (Produktion) stagnieren, ist die Preissetzungsmacht der Unternehmen im Dienstleistungsbereich nach wie vor sehr groß. Solange dies der Fall ist – vermutlich so lange, bis die Reserven der Konsumenten weiter abgebaut wurden – kann auch die Inflationsrate trotz langsamen Wirtschaftswachstums hoch bleiben.
Clemens Schmale
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