KI-Hype: Anthropic schlägt OpenAI & Nvidia-Zahlen im Check
In der aktuellen Ausgabe des Podcasts “Aktientalk” sprechen unser Goldesel Michael Flender und Daniel von Investflow über die Quartalszahlen von Figma und die mit Spannung erwarteten Zahlen von Nvidia am kommenden Mittwoch, dem 20. Mai.
Außerdem sprechen unsere Experten über die aktuelle Bewertung von Anthropic. Das Unternehmen hat OpenAI nun bei der Bewertung überholt.
Am Ende der Folge stellt Michael euch noch sein aktuelles Dilemma vor, weil er nicht genau weiß, was er mit seiner stark gelaufenen Position in Infineon unternehmen soll.
Warum Michael Infineon verkaufen möchte, wie die Zahlen von Figma ausgefallen sind und was das für den gesamten Softwaresektor bedeuten könnte und was uns bei den Nvidia-Zahlen erwartet, das und vieles mehr erfahrt ihr in der aktuellen Podcast-Episode bei Apple Podcast, Spotify oder direkt bei Youtube.
Anthropic überholt OpenAI bei der Bewertung
Im KI-Sektor ging es wieder einmal Schlag auf Schlag – Anthropic hat OpenAI bezogen auf die Bewertung überholt. Das aufstrebende KI-Unternehmen hat sich mit seiner neuesten Finanzierungsrunde auf eine Bewertung von rund 900 Milliarden US-Dollar katapultiert.
Noch absurder wird es, wenn man auf die Geschwindigkeit schaut. Vor gerade einmal wenigen Monaten lag die Bewertung noch deutlich niedriger, jetzt sprechen wir von einer Größenordnung, die selbst für den aktuell völlig euphorisierten KI-Markt herausragt.
Wichtig dabei:
- Die Finanzierungsrunde soll insgesamt rund 30 Milliarden US-Dollar frisches Kapital gebracht haben.
- Einzelne Investoren haben offenbar jeweils mehr als 2 Milliarden US-Dollar investiert.
- Zu den prominenten Namen gehört unter anderem Sequoia Capital.
Die zentrale Botschaft dahinter lautet: Anthropic wächst brutal schnell. Der annualisierte Umsatz ist massiv gestiegen, und viele große Unternehmenskunden scheinen genau dort gerade enorme Rechenkapazitäten und KI-Dienste einzukaufen.
OpenAI bekommt Gegenwind nicht nur von Anthropic
Parallel dazu mehren sich die Zeichen, dass OpenAI nicht mehr ganz so unangreifbar wirkt wie noch vor einiger Zeit. Ein besonders interessantes Detail betrifft Apple. Die Integration von ChatGPT in iOS wurde zunächst als riesige Chance gesehen. In der Praxis scheint die Partnerschaft aber wohl nicht ganz die erwartete wirtschaftliche Wucht zu entfalten.
Apple schaut sich ohnehin breit im Markt um. Google mit Gemini spielt eine Rolle, intern wird offenbar auch mit Anthropic-Technologie gearbeitet. Das ist genau die Art von Entwicklung, die zeigt, wie schnell im KI-Markt die Karten neu gemischt werden.
Man hat aktuell ein bisschen das Gefühl, dass OpenAI nicht mehr allein das Spielfeld definiert, sondern plötzlich selbst viel aggressiver um seine Position kämpfen muss.
Figma überrascht stark und liefert ein Gegenargument zum Software-Pessimismus
Ein besonders spannendes Signal kam diese Woche von Figma. Die Aktie sprang nach den Zahlen kräftig an, und das aus gutem Grund. Denn die Ergebnisse waren nicht nur stark, sie lieferten auch ein wichtiges Gegenargument zu einem Narrativ, das in den letzten Monaten immer lauter wurde: KI macht klassische Software überflüssig.
Genau das scheint zumindest bei Figma gerade nicht zu stimmen. Im Gegenteil.
Die wichtigsten Zahlen von Figma
- Umsatzwachstum: plus 46 Prozent auf 333 Millionen US-Dollar
- Erwartung der Analysten: rund 313 Millionen US-Dollar
- Bruttomarge: 82 Prozent
- Liquide Mittel: mehr als 1,6 Milliarden US-Dollar
- Wachstum bei Kunden mit über 100.000 Dollar Jahresumsatz: plus 48 Prozent
Besonders stark ist, dass gerade die großen Kunden deutlich mehr ausgeben. Das spricht für echten Produktmehrwert und nicht bloß für kurzfristige Experimentierfreude. Die Net-Dollar-Retention bei größeren zahlenden Kunden lag auf einem sehr hohen Niveau. Heißt übersetzt: Bestehende Kunden bleiben nicht nur, sie buchen mehr.
Warum Figma gerade profitiert
Figma ist im Kern ein kollaboratives Design- und Produktentwicklungstool. Teams können dort Oberflächen, Abläufe, Prototypen und Designs gemeinsam in Echtzeit bauen. Was früher vor allem ein Werkzeug für Designer war, entwickelt sich immer stärker zu einer zentralen Schnittstelle zwischen Design, Produkt und Entwicklung.
Gerade mit KI wird das noch interessanter. Denn wenn man aus Prompts Prototypen erzeugen, UI-Komponenten automatisch anpassen oder aus Designvorlagen direkt Code erzeugen kann, dann macht das gute Software nicht überflüssig, sondern wertvoller.
Genau darin liegt der springende Punkt: Wenn Unternehmen mehr KI einsetzen, brauchen sie oft mehr Struktur, mehr Workflows und bessere Tools. Und eben nicht weniger.
Das ist ein wichtiges Signal für den gesamten Softwaresektor. Denn viele Aktien wurden in den vergangenen Quartalen so gehandelt, als würden KI-Modelle praktisch alle bestehenden Softwareanbieter verdrängen. Figma zeigt gerade eher das Gegenteil: KI kann für Software auch ein massiver Rückenwind sein.
Der Haken bei Figma
Ganz ohne Makel ist die Story natürlich nicht. Die Kosten sind deutlich gestiegen, vor allem wegen der Stock-Based Compensation, die nach dem IPO stärker durchschlägt. Das verzerrt die Profitabilität auf den ersten Blick.
Trotzdem bleibt die operative Qualität hoch. Das Unternehmen hebt die Jahresprognose an und rechnet jetzt mit rund 35 Prozent Umsatzwachstum auf etwa 1,42 Milliarden US-Dollar.
Bewertungstechnisch ist Figma inzwischen auch wieder deutlich zurückgekommen. Kurz nach dem IPO war die Bewertung durch die Decke geschossen. Wohl insbesondere, weil nur wenige Stücke handelbar waren. Die Folge war eine absurde Anfangsbewertung. Nach dem massiven Rücksetzer wirkt das Verhältnis aus Wachstum, Marge und Cashbestand inzwischen deutlich ausgewogener.
Das heißt nicht automatisch, dass Figma jetzt ein Selbstläufer ist. Aber es zeigt, dass man den gesamten Softwaresektor nicht einfach pauschal abschreiben sollte.
Cerebras und das riesige IPO: Wenn Euphorie zu viel wird
Ein weiteres Thema war das Börsendebüt von Cerebras, einem KI-Chipunternehmen. Und hier hat man wieder gesehen, wie heiß der Markt im Halbleiter- und KI-Bereich gerade läuft.
Der Emissionspreis wurde im Laufe des Prozesses immer weiter nach oben geschoben. Erst war eine niedrigere Spanne im Gespräch, dann wurde erhöht, am Ende kam die Aktie zu 185 US-Dollar auf den Markt. Der erste Kurs lag bei rund 350 US-Dollar, zwischenzeitlich sogar noch höher. Das ist natürlich spektakulär. Es ist aber auch ein Warnsignal.
Denn solche IPOs zeigen oft zwei Dinge gleichzeitig:
- Es gibt enorme Nachfrage nach allem, was mit KI-Chips zu tun hat.
- Ein großer Teil dieser Nachfrage ist kurzfristig und spekulativ.
Viele Zeichner wollen gar nicht langfristig investieren, sondern einfach nur den ersten Kurssprung mitnehmen. Das kennt man aus früheren Hype-Phasen ebenfalls. Dazu kommt ein zweiter wichtiger Punkt: Kapital ist nicht unendlich. Wenn ein heißes IPO kommt, wird dafür oft Geld aus anderen Positionen freigemacht.
Genau das kann erklären, warum parallel bei anderen Chipaktien Gewinnmitnahmen auftauchen. Wenn bald noch größere Börsengänge folgen sollten, etwa aus dem Space-Bereich, könnte dieser Effekt noch stärker werden.
Deshalb ist Cerebras nicht nur wegen des eigenen Geschäfts spannend, sondern auch als Stimmungsindikator für den gesamten Markt. Und diese Stimmung ist derzeit ohne Frage extrem euphorisch.
Trump, China und Nvidia: H200 darf geliefert werden
Politisch und wirtschaftlich interessant war auch die Meldung, dass Nvidia den H200-Chip wieder an ausgewählte chinesische Unternehmen liefern darf. Die Genehmigung soll sich auf zehn chinesische Firmen beziehen und an verschiedene Auflagen geknüpft sein, etwa bei Mengenbegrenzungen und Kontrollen.
Für Nvidia ist das erst einmal positiv. Jeder zusätzliche Absatzmarkt hilft. Gleichzeitig sollte man die Größenordnung nicht überschätzen. Der H200 ist nicht mehr Nvidias modernste Technologie. Inzwischen steht die Blackwell-Generation im Fokus, also etwa der B200. Und mit Vera Rubin ist bereits die nächste Plattform angekündigt.
Aus amerikanischer Sicht ist die Freigabe trotzdem nachvollziehbar. Lieber chinesische KI-Infrastruktur teilweise mit US-Technologie versorgen, als komplett den heimischen Alternativen das Feld zu überlassen. Jensen Huang hat diese Logik in der Vergangenheit sinngemäß immer wieder vertreten.
Was bedeutet das für die Nvidia-Zahlen?
Für die unmittelbar anstehenden Quartalszahlen dürfte die China-Freigabe noch keinen großen Effekt haben. Die Frage bei Nvidia lautet ohnehin weniger, ob die Zahlen stark werden, sondern eher, wie stark der Markt noch darauf reagiert.
Vieles spricht dafür, dass Nvidia erneut liefert:
- Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur bleibt hoch.
- Großkunden investieren weiter massiv.
- Das Produktportfolio wird laufend ausgebaut.
Aber genau da liegt eben auch das Problem. Der Markt weiß das alles längst. Die Aktie ist bereits wieder gut gelaufen. Selbst gute Zahlen können dann manchmal nicht mehr reichen, wenn die Erwartungen schon sehr hoch sind. Genau solche leichten Ermüdungserscheinungen sah man zuletzt auch bei anderen Halbleiterwerten.
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Sollte Michael Infineon jetzt verkaufen?
Jetzt zum vielleicht praktischsten Teil dieser Woche. Denn hier geht es nicht um Milliardenbewertungen oder globale KI-Infrastruktur, sondern um eine Frage, die fast jeder Anleger kennt:
Was mache ich, wenn eine Aktie im Depot plötzlich viel zu schnell viel zu stark steigt?
Bei Michael geht es um Infineon. Keine typische Hype-Aktie, sondern eigentlich eher ein solides, zyklisches Halbleiterunternehmen mit starkem Fokus auf Industrie, Automotive und Leistungselektronik. Also eher kein Name, bei dem man innerhalb kurzer Zeit extreme Bewegungen erwartet. Genau das ist aber passiert.
Die Lage bei Infineon
Seit Anfang April ist die Aktie ungefähr von 37 Euro auf zeitweise 67 Euro gestiegen. Das ist für ein Unternehmen mit eher niedrig zweistelligem Wachstum eine massive Bewegung.
Natürlich gibt es Gründe dafür. Infineon profitiert am Markt derzeit von der KI-Fantasie rund um Stromsparchips und Komponenten, die in Rechenzentren benötigt werden. Das ist ein echter Treiber. Aber die Frage ist eben, wie viel davon schon eingepreist ist und wie nachhaltig dieser Schub wirklich wird.
Michael hält rund 1.000 Aktien, gekauft in mehreren Tranchen im Jahr 2018. Die Position ist inzwischen etwa 65.000 Euro wert, der Buchgewinn liegt bei rund 44.000 Euro. Bei einem Komplettverkauf würden allerdings etwa 11.000 bis 12.000 Euro Steuern anfallen. Und genau da beginnt das Dilemma.
Das klassische Anlegerproblem bei großen Gewinnen
Wer verkauft, sichert Gewinne. Wer nicht verkauft, lässt vielleicht einen langfristigen Gewinner weiterlaufen. Beides kann richtig sein. Beides kann sich später auch als Fehler herausstellen.
Die typischen Gedankengänge sehen so aus:
- Pro Verkauf: Die Bewertung ist heiß gelaufen, die Euphorie könnte kippen, es ist ein zyklisches Unternehmen und der Steuerabzug ist zwar ärgerlich, aber realisierter Gewinn bleibt Gewinn.
- Contra Verkauf: Gute Aktien soll man laufen lassen, vielleicht beginnt gerade erst eine neue Neubewertung, und nach einem Verkauf braucht man einen besseren Plan für das frei werdende Kapital.
Hinzu kommt: Bei einem Verkauf ist das Geld nicht mehr brutto verfügbar. Der Staat hält die Hand auf, und plötzlich stehen von 65.000 Euro nur noch gut 53.000 Euro zur Wiederanlage bereit. Das macht die Entscheidung deutlich schwerer.
Warum Teilverkäufe oft der pragmatische Mittelweg sind
Gerade bei zyklischen Werten kann ein Teilverkauf sinnvoll sein. Nicht, weil man das exakte Hoch treffen muss. Das schafft sowieso fast niemand. Sondern weil man das Risiko reduziert, wenn eine Aktie sehr weit und sehr schnell gelaufen ist.
Das gilt vor allem dann, wenn:
- die Story stark von einem aktuellen Hype getrieben ist
- das Unternehmen operativ solide ist, aber nicht explosionsartig wächst
- die Branche historisch eher zyklisch ist
- die Bewertung deutlich schneller steigt als die Fundamentaldaten
Genau deshalb ist die Überlegung bei Infineon nachvollziehbar. Das Unternehmen ist nicht plötzlich zu einem 40-Prozent-Wachstumsmonster geworden. Es gibt positive Tendenzen, ja. Aber der Kurslauf war zuletzt deutlich dynamischer als das, was man fundamental nüchtern erwarten würde.

Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse nicht investiert.