Am Aktienmarkt wird es ungemütlich
Jede Abwärtsbewegung und selbst die Bärenmarktrallys fühlten sich ungemütlich an. Tatsächlich aber war der Markt sehr ruhig. Das sollte sich ändern.
Analysten, die sich in der letzten Bärenmarktrally nicht dazu haben hinreißen lassen, einen neuen Bullenmarkt auszurufen, hatten unter anderem dieses Argument: Ein Tief ist erst erreicht, wenn Anleger kapitulieren. Ein Zeichen der Kapitulation ist ein Kursrutsch und Volatilitätsimpuls. Beides hat es in diesem Bärenmarkt bisher nicht gegeben. Die meisten Bärenmarkttiefs oder auch einfach nur Korrekturtiefs werden erreicht, wenn die Volatilität innerhalb kurzer Zeit deutlich ansteigt. Die Schwankungsbreite ist in diesem Jahr zwar erhöht, der Impuls blieb aber aus. Zudem erreichte der Volatilitätsindex VIX nur gerade das Niveau von 30 Punkten. Typisch für Umkehrpunkte wären Werte von 40 und mehr.
Persönlich halte ich einen Impuls für keine absolut notwendige Bedingung für ein Tief. Zur Jahrtausendwende fehlte es an Impulsen. Einen der längsten Bärenmärkte gab es trotzdem. Ob sich das dieses Mal anders verhält, bleibt abzuwarten. Gewisse Indizien gibt es, dass ein Volatilitätsimpuls noch kommt.
Zum einen ist da die Zinskurve. Zinskurve und VIX sind korreliert. Die Zinskurve geht dem VIX dabei um 18 Monate voraus. Das ist auch etwa die Zeitspanne, mit der die Zinskurve eine Rezession ankündigt. Der Aktienmarkt ignoriert das Signal jedes Mal souverän, bis sich die Rezession nicht mehr leugnen lässt.
Die Korrelation ist nicht perfekt (Grafik 1).

Es geht aber auch nicht um die tagtägliche Korrelation, sondern um die großen Zyklen. Diesbezüglich spricht die Zinskurve eine klare Sprache. Sie ist jedoch nicht das einzige Indiz. Auch Finanzierungsbedingungen und VIX gehen Hand in Hand (Grafik 2). Die Lage hat sich zuletzt entspannt. Der VIX ist jedoch so tief gefallen, dass er der Realität vorausgeeilt ist.

Was die Wirtschaft und den Finanzmarkt bewegen, ist die Kreditvergabefreudigkeit der Banken. Kredit ist das Schmiermittel der Wirtschaft. Banken straffen derzeit die Vergabekriterien. Diese Straffung läuft der Volatilität um mehrere Monate voraus (Grafik 3). Entgegen dem typischen Trend fiel der VIX anstatt zu steigen. Der VIX sollte zumindest bei 30 stehen.

Zusammengefasst beginnt jetzt die schwierige Phase. Indikatoren, die der Volatilität vorauslaufen, kündigen ab jetzt erhöhte Gefahr an. Auch die Technik liefert einen interessanten Beitrag. Die Marktbreite (Aktien oberhalb der 50-Tagelinie) und VIX zeigen in diesem Bärenmarkt ein klares Muster (Grafik 4).

Besonders interessant ist die Parallele seit Jahresmitte. Im Juni begann die erste große Bärenmarktrallye zu einem Zeitpunkt, da die Marktbreite sehr tief war. Die Bärenmarktrally war vorbei als 90 % der Aktien oberhalb ihrer 50-Tagelinie notierten. Genau das gleiche Muster scheint sich gerade zu wiederholen.
Auch wenn es sich nicht so anfühlt, die Volatilität ist ungewöhnlich tief. Technisch betrachtet ist eine Trendumkehr zu erkennen. Mittelfristig sollten Vorlaufindikatoren für Sorgenfalten sorgen.
Clemens Schmale
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