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Lars Weigand in Börsennews

24.01.2026 20:40

Blogartikelbild Sind SaaS-Aktien die größte Chance seit Jahren?

Sind SaaS-Aktien die größte Chance seit Jahren?

In der aktuellen Ausgabe des Podcasts “Aktientalk” unseres Goldesels Michael Flender und Daniel von Investflow sprechen unsere beiden Experten in einer Sonderfolge über die aktuelle Lage im Software bzw. SaaS-Sektor (Software-as-a-Service).

Der Software- und insbesondere der SaaS-Sektor erlebt gerade eine heftige Kursbereinigung. Was vor wenigen Monaten noch als „unantastbar“ galt – hohe Wachstumsraten, wiederkehrende Umsätze, enorme Margen – wird jetzt in vielen Fällen radikal neu bewertet. Aber heißt das, dass SaaS am Ende ist? Oder entsteht gerade eine langfristige Kaufchance? Wir gehen auf die wichtigsten Argumente ein, erklären die Mechaniken hinter dem Sell-off und geben eine praktische Checkliste, womit man als Investor jetzt arbeiten kann.

Den Podcast findet ihr wie immer bei Spotify, Apple Podcast oder direkt bei Youtube.

Abverkauf bei SaaS-Aktien – die Hintergründe

Seit einigen Monaten klafft eine immer größer werdende Lücke zwischen dem breiteren Tech-Index und reinen Software-Aktien. Viele große und mittelgroße Softwareaktien verloren in kurzer Zeit 30 bis 60 Prozent ihres Wertes. Bei einigen Marktführern sind Bewertungskennzahlen (wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis) von spektakulär hohen Niveaus auf deutlich niedrigere Regionen gefallen.

Die Auslöser sind vielfältig, aber zwei Themen stechen heraus:

  • AI‑Furcht: Die Erwartungen, wie Künstliche Intelligenz bestehende Softwarelösungen ersetzen oder grundlegend verändern kann, haben Panik ausgelöst – nicht immer basierend auf bewiesenen Effekten oder bereits rückläufigen Umsätzen und Gewinnen, sondern auf potenziellen Risiken.
  • Marktmechanik: ETFs, übergewichtete Portfolios vieler Asset Manager, Short-Seller und automatisierte Verkäufe haben Verkaufsdruck multipliziert. Das führt zu einer kollektiven Bestrafung der gesamten Branche statt zu selektiven Abschlägen.

Warum die Panik übertrieben sein könnte

Märkte reagieren oft emotional und blicken weit in die Zukunft. Aktuell wird viel Risiko „eingepreist“, das noch gar nicht eingetreten ist. Sofern sich die Befürchtungen nicht bewahrheiten sollten, sind massive Rebounds möglich.

  • Fehlende Evidenz in Zahlen: Bislang haben große Softwareunternehmen meist noch keine operativen Zahlen veröffentlicht, die eine strukturelle Eintrübung bestätigen. Schauen wir auf die Gewinn- und Umsatzprognosen vieler Analysten, sind diese noch vergleichsweise stabil.
  • Hohe Margen und skalierbare Geschäftsmodelle: Softwarefirmen erzielen oft extrem hohe Erträge pro Mitarbeiter und starke Free-Cash-Flow-Generierung. Das verschafft Zeit für Anpassungen.
  • Tiefe Integration und Switching Costs: Enterprise-Tools oder kritische Plattformen sind so tief in Prozesse eingebunden, dass ein schneller Ersatz sehr teuer und risikobehaftet ist.
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Welche Aktien sind besonders gefährdet?

Nicht jede Funktion oder jedes Produkt ist gleich angreifbar durch AI. Wichtige Unterscheidungen:

  • Einfach ersetzbare Standardfunktionen: Aufgaben wie einfache Textgenerierung, Standard-Designs oder Routineprozesse sind am schnellsten durch AI-Tools ersetzbar. Produkte mit geringem Differenzierungsgrad (z. B. reine Signaturtools oder einfache Formularlösungen wie beispielsweise von Docusign) sind anfälliger.
  • Tief integrierte Kernsysteme: ERP, spezialisierte Ingenieurssoftware, juristische oder wissenschaftliche Datenbanken und Systeme mit hohen regulatorischen Anforderungen sind schwer zu ersetzen. Hier sind Datenhoheit, Zertifizierungen und Sicherheit große Hürden. Beispiele hierfür wären Nemetschek oder Wolters Kluwer.
  • Datenexklusivität: Unternehmen, die über einzigartige, proprietäre Daten verfügen, profitieren davon – AI ist nur so gut wie die Datenbasis. Ein Modell ohne Zugang zu firmenspezifischen Daten löst keine echten Switching- oder Compliance-Probleme.

Welche Aktien sind betroffen? Risiko vs. Resilienz

Um die Unterschiede greifbar zu machen, ein pragmatischer Blick auf typische Fälle:

  • Adobe: Operativ stark mit breitem Produktportfolio. Ein Teil der Kreativaufgaben wird durch AI automatisiert, aber hohe Marktstellung, Expertentools und B2B‑Integrationen machen ein komplettes Verschwinden unwahrscheinlich.
  • DocuSign: Signaturlösungen sind grundsätzlich ersetzbar – alternative Anbieter, Plattformintegrationen und Open-Source‑Tools können Marktanteile kosten. Vergleichsweise niedrige Eintrittsbarrieren erhöhen das Risiko.
  • ServiceNow, SAP, Salesforce: Tief verankerte Enterprise‑Software mit hohen Implementationskosten und Switching Costs. Das macht sie schwer ersetzbar, allerdings müssen diese Anbieter ihr Lizenzmodell und die Monetarisierungsstrategie an AI‑Nutzungsmodelle anpassen.
  • Intuit: Starke Kundenbasis im Finanz-/Steuerbereich und wiederkehrende Umsätze. Auch hier sind Bewertungsabschläge sichtbar — was Chancen schafft, falls Wachstum intakt bleibt.
  • Plattformen mit low-friction-Interfaces (z. B. Monday.com, HubSpot, Twilio, Figma): Diese könnten Funktionen verlieren, die künftig als Standard‑AI-Funktionalität in Überplattformen integriert werden. Die Frage ist, ob sie genug einzigartige Produkte / Features haben, um zu überleben.
  • Nischenanbieter und Spezialisten (z. B. Constellation Software): Kleine, stark fokussierte Unternehmen mit engen Kundenbeziehungen sind oft schwerer zu disruptieren – besonders, wenn sie spezielle Daten oder Branchenprozesse beherrschen.

Bewertungswandel: Warum Aktien plötzlich günstig wirken

Viele Softwareaktien wurden historisch mit hohen Multiples gehandelt — weil man schnelles, wiederkehrendes Wachstum erwartete. Fallen die Wachstumserwartungen, fallen auch die Multiples stark. Ein paar Mechaniken:

  • Vom Per-Seat zum Usage-basierten Modell: Wenn Lizenzen künftig weniger pro Nutzer, sondern mehr pro Transaktion oder pro AI‑Use abgerechnet werden, verändert das den einnahmenbezogenen Hebel der Unternehmen.
  • Gewinnveränderungen durch Automatisierung: Wenn ein Unternehmen massiv weniger Lizenzen braucht, kann das Umsatz reduzieren. Gleichzeitig können Margen steigen – je nachdem, wie Unternehmen Preise und Angebote anpassen.
  • Sentiment-getriebene Vola: ETF‑Rebalancings, kurzfristige Verkaufsorders und Sektor-Rotationen führen zu übermäßigen Preisausschlägen nach unten.

Worauf man jetzt als Anleger achten sollte

Nicht jede fallende Aktie ist ein Kauf; nicht jeder Preissturz ist ein Crash. Eine strukturierte Analyse erhöht die Wahrscheinlichkeit, sinnvolle Entscheidungen zu treffen:

1. Burggräben und Integration

Prüfe, wie tief das Produkt im Kundenumfeld verankert ist. Managed Data, Compliance‑Hürden, integrationsintensive Prozesse und lange Implementationszyklen sind starke Indikatoren für Burggräben.

2. Datenhoheit

Verfügt das Unternehmen über proprietäre Daten, die für die Leistung entscheidend sind? Wenn ja, ist die Angreifbarkeit für AI-gestützte Konkurrenz begrenzt.

3. Revenue‑Modelle

Beurteile die Flexibilität des Pricing: Kann das Unternehmen schnell von seat-based auf usage-based oder API‑basierte Abrechnung umstellen? Anbieter, die diese Optionen bereits einführen, reduzieren ihr Risiko.

4. Margen und Free Cash Flow

Hohe Margenhistorie und starker operativer Cashflow schaffen Spielraum für Investitionen in AI, strategische Käufe oder Preispolitik, falls Nachfrage kurzfristig sinkt.

5. Management und Produkt-Roadmap

Wie reagieren Vorstände? Investieren sie treffend in AI, schließen Partnerschaften oder bauen sie neue Monetarisierungswege? Ein aktives Management, das schnell reagiert, ist wertvoll.

6. Analysten‑ und Marktmeinung

Analysten haben ihre Prognosen oft noch nicht massiv gesenkt – das kann Entwarnung bedeuten oder einen verzögerten Repricing-Effekt. Wichtiger als die Konsensmeinung sind die zugrundeliegenden Annahmen zu Wachstum und Margen.

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Worst Case vs. Best Case — was kann passieren?

Szenarioanalyse hilft, emotionales Handeln zu reduzieren:

  • Worst Case: Massive Umsatzrückgänge bei mehreren Anbietern, beschleunigter Wechsel zu kostenlosen AI‑Alternativen, regulatorische Eingriffe wegen Datenschutz – Kursverluste gehen deutlich weiter.
  • Realistischer Mittelweg: Einige Segmentfunktionen werden ausgelagert oder ersetzt, aber Kernprodukte behalten Kunden wegen Integration, Compliance und Datenhoheit. Gewinner konsolidieren Marktanteile.
  • Best Case: Die meisten großen Anbieter adaptieren schnell AI, erhöhen Produktivität der Kunden und verschieben ihr Pricing-Modell erfolgreich – Wachstum kehrt zurück, Bewertungen normalisieren sich.

Checkliste vor einem Investment

  1. Wie hoch sind die Switching Costs?
  2. Besitzt das Unternehmen exklusive Daten oder Inhalte?
  3. Wie sieht die Margin- und Cash-Flow-Situation aus?
  4. Ist dasManagement proaktiv in AI‑Integration?
  5. Wie flexibel ist das Pricing-Modell?
  6. Welche Marktanteile sind risikoreich vs. stabil?

Fazit – Chance oder Risiko?

Die momentane Situation ist ein klassisches Markt-Dilemma: hohe Unsicherheit erzeugt starke Preisbewegungen. Für disziplinierte Investoren entstehen attraktive Chancen – vor allem bei Unternehmen mit starken Burggräben, proprietären Daten und resilienten Geschäftsmodellen. Gleichzeitig bleibt Vorsicht angebracht, denn das Risiko weiterer Verluste ist real.

Nicht alle Softwareaktien sind gleich. Wer jetzt sorgfältig selektiert, bewertet und das Geschäftsmodell hinterfragt, kann potenziell sehr gute Einstiegschancen finden. Wer blind in fallen gehaltene Titel rennt, riskiert jedoch schmerzhafte Verluste.

Es kann hilfreich sein, sich jetzt eine Watchlist mit den Aktien aus dem Sektor anzulegen und die nächsten Quartalszahlen genau zu beobachten. Die Einstiege möglicherweise in Tranchen und nicht gleich mit einer vollen Position, ansonsten an relevanten charttechnischen Marken Stops setzen und nicht bei weiteren Verlusten massiv nachkaufen.

Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte

Der Autor ist in den folgenden besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse investiert: Service Now.

Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte

Der Autor ist in den folgenden besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse investiert: .

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