Einstieg, Ausstieg, CRV: Die drei Säulen
Frag zehn Anfänger, was sie am Trading interessiert, und neun antworten mit derselben Frage: „Wo soll ich einsteigen?“ Dabei ist der Einstieg von allen Entscheidungen eines Trades die unwichtigste. Was über Erfolg und Misserfolg entscheidet, passiert davor und danach: der geplante Ausstieg, das Verhältnis von Chance zu Risiko und die Größe der Position.
In dieser Lektion geht es um das Fundament, auf dem jede Strategie dieses Kurses steht. Das Chance-Risiko-Verhältnis, kurz CRV, verbindet die drei Säulen jedes Trades zu einer einzigen Rechnung und beantwortet die entscheidende Frage: Lohnt sich dieser Trade überhaupt? Wer diese Rechnung beherrscht, kann mit einer mittelmäßigen Strategie Geld verdienen. Wer sie ignoriert, verliert auch mit einer guten.
Dieser Artikel zeigt dir: Warum jeder Trade aus drei Entscheidungen besteht, wie du Einstieg und Ausstieg sauber definierst, was das Chance-Risiko-Verhältnis aussagt und warum es wichtiger ist als die Trefferquote, wie CRV und Trefferquote zusammen den Erwartungswert bilden und wie du daraus deine Positionsgröße ableitest.
Die drei Säulen eines Trades
Ein vollständiger Trade besteht aus drei Entscheidungen, und alle drei fallen, bevor du auch nur einen EUR investierst. Erstens der Einstieg: Unter welcher Bedingung kaufst du? Zweitens der Ausstieg, und zwar in beide Richtungen: Wo liegt dein Stop-Loss, falls du falsch liegst, und wo dein Kursziel, falls du recht behältst? Drittens die Positionsgröße: Wie viele Aktien kaufst du, damit ein Fehltrade wehtut, aber nicht gefährlich wird?
Anfänger verwenden fast ihre gesamte Energie auf die erste Frage und improvisieren die anderen beiden, wenn die Position schon läuft. Genau dann entscheiden aber Emotionen statt Regeln: Der Stop wird verschoben, das Ziel wird gierig verdoppelt, die Position war von Anfang an zu groß. Profis drehen die Gewichtung um. Der Einstieg ist bei ihnen nur der Auslöser eines Plans, der längst steht.
Der Einstieg: Auslöser, nicht Glaskugel
Der Einstieg beantwortet eine einzige Frage: Unter welcher konkreten Bedingung eröffnest du die Position? Die Setups dafür hast du in den Strategie-Lektionen kennengelernt, ob Rücksetzer im Aufwärtstrend, Ausbruch über einen Widerstand oder die Stabilisierung nach einer Übertreibung. Entscheidend ist nicht, welches Setup du wählst, sondern dass die Bedingung eindeutig formuliert ist: „Kaufen, wenn der Kurs über das Vortageshoch steigt“ ist eine Regel. „Kaufen, wenn es gut aussieht“ ist keine.
Der Einstieg legt außerdem den Bezugspunkt für alles Weitere fest. Erst mit einem konkreten Einstiegskurs kannst du Risiko und Chance beziffern, und deshalb gilt: Kein Einstieg ohne die beiden nächsten Säulen. Ein Setup, für das du keinen sinnvollen Stop und kein realistisches Ziel findest, ist kein Trade, sondern eine Wette.
Der Ausstieg: Deine Entry-Exit-Strategie steht vor dem Trade
Der Ausstieg besteht aus zwei Marken, und beide gehören zum Pflichtprogramm jeder Entry-Exit-Strategie. Der Stop-Loss ist der Punkt, an dem deine Handelsidee objektiv widerlegt ist: unter dem letzten höheren Tief beim Trendfolge-Trade, zurück in der Range beim Breakout. Er wird als echte Order platziert, nicht als guter Vorsatz, und er wird niemals in Verlustrichtung verschoben.
Das Kursziel ist die realistische Gegenmarke: das letzte Hoch, die nächste Widerstandszone, die Range-Projektion. Realistisch ist das Stichwort, denn ein Ziel, das du einfach weit genug nach oben legst, schönt jede Rechnung und wird trotzdem nie erreicht. Bei Strategien ohne festes Ziel, etwa der Trendfolge mit Trailing-Stop, übernimmt der nachgezogene Stop die Rolle des Ausstiegs, die Logik bleibt dieselbe: Der Exit ist definiert, bevor der Trade beginnt.
Das Chance-Risiko-Verhältnis: die wichtigste Rechnung im Trading
Aus Einstieg, Stop und Ziel entsteht die zentrale Kennzahl dieser Lektion. Das Chance-Risiko-Verhältnis, im Englischen Risk Reward Ratio genannt, setzt den möglichen Gewinn ins Verhältnis zum einkalkulierten Verlust. Ein Beispiel, das du aus der Swing-Trading-Lektion kennst: Einstieg bei 50 EUR, Stop bei 47 EUR, Ziel bei 56 EUR. Das Risiko beträgt 3 EUR pro Aktie, die Chance 6 EUR, das CRV liegt bei 2:1. Du riskierst also einen EUR, um zwei zu gewinnen.
Warum ist diese Zahl so mächtig? Weil sie festlegt, wie oft du recht haben musst, um profitabel zu sein. Und diese Schwelle liegt deutlich niedriger, als die meisten denken:
| CRV | Du riskierst 1 EUR für … | Nötige Trefferquote (Break-even) |
|---|---|---|
| 0,5:1 | 0,50 EUR Gewinn | 66,7 % |
| 1:1 | 1 EUR Gewinn | 50 % |
| 1,5:1 | 1,50 EUR Gewinn | 40 % |
| 2:1 | 2 EUR Gewinn | 33,3 % |
| 3:1 | 3 EUR Gewinn | 25 % |
Die Tabelle erklärt, warum in diesem Kurs immer wieder die Mindestmarke von 2:1 auftaucht: Mit diesem CRV bist du schon profitabel, wenn nur 4 von 10 Trades aufgehen. Sie erklärt auch, warum Trades mit einem CRV unter 1:1 für Einsteiger tabu sind, denn wer 1 EUR riskiert, um 50 Cent zu gewinnen, braucht eine Trefferquote von über 66 %, und die erreichen selbst erfahrene Trader selten dauerhaft.
CRV und Trefferquote: das Zusammenspiel entscheidet
Das CRV allein macht noch keine profitable Strategie, genauso wenig wie eine hohe Trefferquote allein. Erst das Produkt aus beidem zählt, der sogenannte Erwartungswert: Wie viel gewinnst oder verlierst du im Durchschnitt pro Trade? Die Formel dahinter ist simpel: Trefferquote mal durchschnittlicher Gewinn, minus Verlustquote mal durchschnittlicher Verlust.
Ein Rechenbeispiel zeigt, wie sich das tatsächliche Gewinn-Verlust-Verhältnis auswirkt. Strategie A trifft in 40 % der Fälle bei einem CRV von 2:1. Auf 10 Trades mit je 100 EUR Risiko kommen 4 Gewinne à 200 EUR und 6 Verluste à 100 EUR, unterm Strich plus 200 EUR. Strategie B trifft beeindruckende 70 %, gewinnt aber nur 50 EUR pro Treffer und verliert 100 EUR pro Fehltrade: 7 mal 50 minus 3 mal 100 ergibt plus 50 EUR, trotz fast doppelter Trefferquote nur ein Viertel des Ergebnisses. Und würde Strategie B nur 60 % treffen, stünde bereits eine Null.
Genau hier schließt sich der Kreis zu den Strategie-Lektionen: Trendfolge und Breakout leben mit niedrigen Trefferquoten und hohen CRVs, Mean Reversion mit hohen Trefferquoten und kleineren CRVs. Beides kann funktionieren. Was nicht funktioniert, ist die Kombination aus niedriger Trefferquote und schlechtem CRV, und in der landen Anfänger automatisch, wenn sie Gewinne früh mitnehmen und Verluste laufen lassen.
Positionsgröße: die dritte Säule macht es konkret
Die letzte Entscheidung übersetzt den Plan in eine Stückzahl, und auch sie folgt einer festen Regel statt dem Kontostand-Bauchgefühl. Ausgangspunkt ist die 1-%-Regel: Pro Trade riskierst du maximal 1 % deines Kontos. Bei 10.000 EUR sind das 100 EUR. Dieses Maximalrisiko teilst du durch das Risiko pro Aktie, also den Abstand zwischen Einstieg und Stop. Im Beispiel von oben: 100 EUR geteilt durch 3 EUR ergibt 33 Aktien, eine Position von rund 1.650 EUR.
Beachte die Reihenfolge: Erst kommen Einstieg und Stop, daraus ergibt sich die Positionsgröße. Wer andersherum rechnet und fragt, wie viele Aktien er sich leisten kann, hat sein Risiko nicht unter Kontrolle, sondern dem Zufall überlassen. Die 1-%-Regel sorgt nebenbei dafür, dass selbst eine Serie von acht, neun Fehltrades dein Konto nur einstellig dezimiert, und genau solche Serien kommen in jeder Strategie vor.
Wie du das CRV im Detail berechnest, welche Formel dahintersteckt und wie du dir in zwei Minuten einen eigenen Rechner baust, zeigt dir der Zusatzartikel CRV berechnen: Chance-Risiko-Verhältnis.
In der nächsten Lektion prüfst du, ob deine Regeln in der Vergangenheit funktioniert hätten: Backtesting: So testest du deine Strategie
Alle Lektionen und Strategien des Kurses findest du auf der Übersichtsseite Trading-Strategien.
Zusammenfassung: Einstieg, Ausstieg, CRV
✅ Jeder Trade besteht aus drei Entscheidungen, die vor dem Kauf fallen: Einstieg, Ausstieg in beide Richtungen und Positionsgröße.
✅ Der Einstieg ist nur der Auslöser eines fertigen Plans. Eine eindeutige Bedingung ersetzt das Bauchgefühl.
✅ Der Stop-Loss markiert den Punkt, an dem deine Idee widerlegt ist, das Kursziel die realistische Gegenmarke. Beides steht fest, bevor der Trade beginnt.
✅ Das Chance-Risiko-Verhältnis verbindet die drei Marken zur wichtigsten Rechnung im Trading: Bei 2:1 reicht schon gut ein Drittel Trefferquote für die Gewinnzone.
✅ Erst CRV und Trefferquote zusammen ergeben den Erwartungswert. Hohe Trefferquoten mit kleinen Gewinnen schlagen sich schlechter, als sie sich anfühlen.
✅ Die Positionsgröße ist das Ergebnis einer Division: 1 % Kontorisiko geteilt durch das Risiko pro Aktie, niemals umgekehrt gerechnet.
✅ Trades ohne sinnvollen Stop, ohne realistisches Ziel oder mit einem CRV unter 1:1 werden ausgelassen, egal wie verlockend der Chart aussieht.

Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Die Autoren sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse in den erwähnten Wertpapieren nicht investiert.
Häufige Fragen
Was ist das Chance-Risiko-Verhältnis einfach erklärt?
Das CRV setzt den möglichen Gewinn eines Trades ins Verhältnis zum einkalkulierten Verlust. Bei einem CRV von 2:1 riskierst du 1 EUR, um 2 EUR zu gewinnen. Berechnet wird es aus den drei Marken jedes Trades: Einstieg, Stop-Loss und Kursziel.
Was ist ein gutes CRV?
Als Faustregel für Einsteiger gilt ein Mindest-CRV von 2:1, damit bist du bereits ab einer Trefferquote von gut einem Drittel profitabel. Trades unter 1:1 solltest du grundsätzlich auslassen, weil sie unrealistisch hohe Trefferquoten verlangen.
Ist das CRV wichtiger als die Trefferquote?
Keins von beiden funktioniert allein, erst das Zusammenspiel ergibt den Erwartungswert deiner Strategie. Ein hohes CRV verkraftet viele Fehltrades, eine hohe Trefferquote verkraftet kleinere Gewinne. Gefährlich ist nur die Kombination aus beidem Schlechten: seltene Treffer und kleine Gewinne.
Was bedeutet Risk Reward Ratio?
Risk Reward Ratio ist der englische Begriff für das Chance-Risiko-Verhältnis. Gemeint ist exakt dieselbe Kennzahl, oft in umgekehrter Schreibweise: Ein Risk Reward Ratio von 1:2 entspricht einem CRV von 2:1, in beiden Fällen steht 1 Teil Risiko 2 Teilen Chance gegenüber.
Wo setze ich Stop-Loss und Kursziel am besten?
An objektiven Marken aus dem Chart, nicht an Wunschzahlen: den Stop dorthin, wo deine Handelsidee widerlegt wäre, etwa unter das letzte Tief, das Ziel an die nächste realistische Widerstandszone. Wer das Ziel künstlich weit weg legt, um das CRV zu schönen, betrügt nur sich selbst.
Wie hängen CRV und Positionsgröße zusammen?
Das CRV entscheidet, ob ein Trade es wert ist, die Positionsgröße entscheidet, wie viel er dich kosten darf. Beide nutzen dieselben Marken: Aus dem Abstand zwischen Einstieg und Stop ergibt sich mit der 1-%-Regel die Stückzahl, aus dem Verhältnis zum Kursziel das CRV.