Absturz der Social Chain AG – eine Chronologie des Scheiterns
Der Hype ist endgültig verpufft: Die Social Chain AG, hinter welcher die prominenten „Höhle der Löwen“-Juroren Georg Kofler und Ralf Dümmel standen, ist pleite. Das E-Commerce- und Social-Media-Unternehmen mit Sitz in Berlin musste an diesem Montag den bitteren Gang zum Insolvenzgericht beschreiten. Im selben Zuge gab die Social Chain AG bekannt, dass ihr CEO Georg Kofler sein Vorstandsamt mit sofortiger Wirkung abtritt.
Es ist ein Desaster mit Ansage. Denn allein die News der vergangenen Monate lesen sich wie eine Chronologie des Scheiterns. Logischerweise flüchteten viele Anleger aus der ohnehin mies performenden Social-Chain-Aktie: Der Kurs krachte an diesem Montag um satte 75 % ein. Die Aktie, die mal 54 EUR kostete, ist jetzt nur noch 34 Cent wert.
Die Löwen-Hochzeit
Es sollte ein Imperium werden. Ein Medienkonzern zweier renommierter deutscher Unternehmer und Investoren. Ende 2021 verkündeten Georg Kofler und Ralf Dümmel die Symbiose ihrer Unternehmen als „Löwen-Hochzeit“. Aus Koflers E-Commerce-Konzern Social Chain und Dümmels Konsumgüterfirma DS Gruppe sollte ein „Milliardenunternehmen“ entstehen. Der Deal sah wie folgt aus: Die Social Chain übernahm DS für 220 Millionen EUR und Dümmel wurde Vorstand für Produkt, Einkauf und Vertrieb. Der Hype war real. Die Social-Chain-Aktie – heute ein Penny-Stock – erreichte im November 2021 mit 54 EUR ihr Allzeithoch und die Marktkapitalisierung belief sich auf stolze 620 Millionen EUR. Bis zu 1 Milliarde EUR, so schien es, war es nicht mehr weit. „Wir treten an, um die neue Welt der Marken und des Handels mitzugestalten“, verkündete Kofler damals großspurig.
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Zum 1. Januar 2023 übernahm Kofler selbst den Vorstandsvorsitz bei der Social Chain AG. Der Grund: Das Unternehmen geriet gehörig ins Straucheln; vor allem, so hieß es, weil die Einnahmen der Social Chain aufgrund der schwierigen Weltwirtschaftslage einbrachen. Durch den Zukauf der DS Gruppe verdoppelten sich die Umsätze im ersten Halbjahr 2022 zwar auf 224 Millionen EUR, aber die Verluste versechsfachten (!) sich nahezu – von 8,7 Millionen auf 51,6 Millionen EUR. Die Aktie begab sich in den freien Fall.
Mit rund 30 % Kosteneinsparungen und einer neuen Führungsstruktur sollte die positive Wende gelingen. Georg Kofler übernahm das Ruder und gab sich als Krisenmanager, während Ralf Dümmel das Unternehmen verließ und sich fortan wieder auf seine DS Gruppe konzentrierte.
Laut Bild.de habe die Social-Chain-Pleite keine Auswirkungen auf die DS Gruppe. Auch ihre Tochtergesellschaften seien davon unberührt.
Rüge der Bafin
Bei den Aktionären der Social Chain AG schrillten spätestens vor gut zwei Wochen die Alarmglocken, als die Finanzaufsicht Bafin das Onlinehandelsunternehmen rügte. Die Bafin teilte mit, dass die Social Chain AG gleich zweimal operative Einnahmen zu hoch verbucht habe. In einem Fall ging es um 50 Millionen EUR, die aus aufgenommenen Krediten stammten. Die hatte das Unternehmen doch tatsächlich als operative Einnahmen verbucht, anstatt als Finanzierungstätigkeit.
Im zweiten Fall ging es um weitere 9,3 Millionen EUR, die Social Chain durch den Verkauf von Aktien erwirtschaftet hatte und ebenfalls zu Unrecht als operative Cashflow-Einnahmen auswies. Das Unternehmen verstieß damit gegen internationale Accounting-Standards. Die Bafin-Rüge hatte zwar keine rechtliche Konsequenzen, doch die Bekanntmachung dieser bilanziellen Makel führte bei Aktionären und anderen Stakeholdern zu einem erheblichen Vertrauensverlust.
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Das sagt Georg Kofler
Koflers Versuche, das Ruder herumzureißen, schlugen fehl. Das ist spätestens seit diesem Montag bekannt. Da der kurzfristige Finanzbedarf des Unternehmens nach Auffassung des Vorstands nicht gedeckt werden könne, wurde die positive Fortbestehensprognose der Gesellschaft nichtig. Auch die im Juni beschlossene Kapitalerhöhung ist jetzt hinfällig.
Via Ad-hoc-Mittelung erklärte Ex-CEO Kofler: “Gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen und unserem Team haben wir hart daran gearbeitet, die Social Chain AG auf einen strategisch und wirtschaftlich nachhaltigen Weg zu bringen. Angesichts des anhaltend schwierigen Marktumfelds und der Belastungen der Vergangenheit ist uns dies leider nicht gelungen. (…) Ich trete nun von meinem Amt zurück, um den Weg für weitere umfangreiche Restrukturierungsmaßnahmen freizumachen. Ich wünsche meinen Nachfolgern viel Glück und dem gesamten Unternehmen eine erfolgreiche Sanierung.“
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