Earnings-Trading: So handelst du Quartalszahlen

Aktien im Artikel
Vier Tage im Jahr entscheiden bei vielen Aktien über mehr als die restlichen 248 zusammen. An den Tagen der Quartalszahlen bewegen sich Kurse regelmäßig um 10, 20 oder 30 Prozent, und zwar innerhalb von Sekunden nach der Veröffentlichung. Für Trader sind diese Termine die größte Chance und das größte Risiko des Quartals. Für Anleger, die gar nicht wussten, dass Zahlen anstehen, sind sie oft der Moment, in dem ein sauber laufender Trade zum Verlust wird.
Warum Kurse auf Quartalszahlen reagieren, was der Optionsmarkt vorab über die erwartete Bewegung verrät, was IV Crush bedeutet und welche drei Ansätze es gibt, um Quartalszahlen bei Aktien zu handeln, erklärt dieser Artikel. Er ist der fünfte Teil von Teil A und verbindet die Produktkenntnisse aus den vorherigen Lektionen mit einem konkreten Anlass.
Dieser Artikel zeigt dir: warum nicht die Zahlen selbst, sondern der Abstand zur Erwartung den Kurs bewegt, wie du den Earnings-Kalender und die Uhrzeiten nutzt, wie du den Implied Move aus Optionspreisen abliest, was die implizite Volatilität vor und nach den Zahlen macht, wie sich die Ansätze „vorher“, „nachher“ und „raus“ unterscheiden, warum die Positionsgröße bei Earnings wichtiger ist als der Stopp und welche Checkliste du vor jedem Termin durchgehst.
Warum Kurse auf Quartalszahlen reagieren: Erwartung gegen Ergebnis
Der häufigste Irrtum beim Earnings-Trading lautet: Gute Zahlen, Kurs steigt. Schlechte Zahlen, Kurs fällt. Tatsächlich reagiert der Kurs nicht auf die Zahlen, sondern auf die Differenz zwischen den Zahlen und dem, was der Markt erwartet hat. Ein Unternehmen kann den Gewinn um 30 Prozent steigern und trotzdem 15 Prozent verlieren, wenn die Analysten 35 Prozent erwartet hatten. Und es kann einen Verlust melden und 10 Prozent steigen, wenn der Verlust kleiner ausfällt als befürchtet.
Die Erwartung wird über den Analystenkonsens abgebildet: den Durchschnitt der Schätzungen für Umsatz und Gewinn je Aktie. Liegt das Ergebnis darüber, spricht man von einem „Beat“, liegt es darunter, von einem „Miss“. Dazu kommt die inoffizielle Erwartung, die sogenannte Whisper Number. Bei Aktien, die vor den Zahlen stark gestiegen sind, liegt sie oft über dem Konsens: Der Markt erwartet nicht nur einen Beat, sondern einen deutlichen. Wer dann nur knapp die Schätzungen schlägt, enttäuscht.
Noch wichtiger als die Zahlen des abgelaufenen Quartals ist meist die Guidance, also der Ausblick des Managements auf das laufende Quartal oder Jahr. Die Vergangenheit ist bekannt, die Zukunft wird bezahlt. Eine Anhebung der Prognose ist eines der stärksten Kaufsignale überhaupt, eine Senkung eines der stärksten Verkaufssignale, unabhängig davon, wie das Quartal lief.
| Zahlen zum Quartal | Ausblick (Guidance) | Typische Kursreaktion |
|---|---|---|
| Beat | Angehoben | Stark positiv, oft Start eines mehrwöchigen Trends |
| Beat | Bestätigt | Leicht positiv bis neutral, je nach Vorlauf |
| Beat | Gesenkt | Negativ, der Beat zählt nicht mehr |
| Miss | Angehoben | Überraschend oft positiv, der Markt schaut nach vorn |
| Miss | Bestätigt | Negativ, aber oft schnell verdaut |
| Miss | Gesenkt | Stark negativ, häufig zweistellige Verluste |
Für die Goldesel-Strategie ist genau diese Kombination der Auslöser. Gute Quartalszahlen mit positivem Ausblick, bestätigt durch das Chartbild, sind im Trading Depot einer der wichtigsten Nachrichtenimpulse für einen Kauf. Der Trade findet dann aber nach den Zahlen statt, nicht davor.
Der Earnings-Kalender: Termine, Uhrzeiten und Quellen
Quartalszahlen werden nicht zufällig veröffentlicht. Börsennotierte Unternehmen kündigen ihre Termine Wochen vorher an, und für Trader ist der Earnings-Kalender das wichtigste Planungswerkzeug. Wer eine Position hält, muss wissen, wann die Zahlen kommen. Wer sie nicht kennt, hat kein Risikomanagement, sondern Glück.
Die Earnings Season läuft viermal im Jahr, jeweils etwa zwei bis fünf Wochen nach Quartalsende: ab Mitte Januar, Mitte April, Mitte Juli und Mitte Oktober. Die großen US-Banken eröffnen traditionell, die Tech-Schwergewichte folgen in der zweiten und dritten Woche, deutsche Unternehmen streuen ihre Termine breiter.
| Region | Übliche Uhrzeit | Was das für dich bedeutet |
|---|---|---|
| USA, vorbörslich | 12:00 bis 14:30 Uhr deutscher Zeit, vor Handelsstart um 15:30 Uhr | Reaktion im US-Vorhandel sichtbar, Einstieg zur Eröffnung möglich |
| USA, nachbörslich | 22:00 bis 22:30 Uhr deutscher Zeit, nach Handelsschluss | Reaktion im nachbörslichen Handel, erster regulärer Kurs erst am nächsten Tag um 15:30 Uhr |
| Deutschland | meist 7:00 Uhr, vor Xetra-Start um 9:00 Uhr | Erste Reaktion bei Tradegate und Lang & Schwarz ab 8:00 Uhr, oft mit dünner Liquidität |
| Ad-hoc-Meldungen | jederzeit, auch abends oder am Wochenende | Gewinnwarnungen und Prognoseanhebungen kommen außerhalb des Kalenders |
Deutsche Unternehmen unterliegen der Ad-hoc-Pflicht: Weicht das Ergebnis deutlich von den Erwartungen ab, muss das sofort gemeldet werden, auch außerhalb des geplanten Termins. Eine Gewinnwarnung am Dienstagabend um 19 Uhr ist deshalb keine Seltenheit. In den USA gibt es diese Pflicht in dieser Form nicht, dafür sind die Termine strikter eingehalten.
Die Termine findest du auf den Investor-Relations-Seiten der Unternehmen, auf der Goldesel-Aktienseite jedes Unternehmens im Bereich Termine, bei finanzen.net und in den Earnings-Kalendern von Nasdaq oder Earnings Whispers. Für US-Werte ist die Angabe „BMO“ (before market open) oder „AMC“ (after market close) entscheidend, und bei der Umrechnung auf deutsche Zeit gilt: sechs Stunden Unterschied zur US-Ostküste, in den Wochen der Zeitumstellung sieben.
Implied Move: Was der Optionsmarkt für die Zahlen erwartet
Bevor die Zahlen kommen, kannst du am Optionsmarkt ablesen, wie groß die Bewegung sein wird, die Profis erwarten. Diese Größe heißt Implied Move, die erwartete Bewegung. Sie ergibt sich aus dem Preis eines Straddles: einer Kombination aus Call und Put mit Basispreis am aktuellen Kurs und Fälligkeit kurz nach den Zahlen.
Die Rechnung ist einfach. Kostet der Call 8 US-Dollar und der Put 8 US-Dollar bei einem Aktienkurs von 200 US-Dollar, ist der Straddle 16 US-Dollar wert. Geteilt durch den Kurs ergibt das 8 Prozent. Der Optionsmarkt erwartet also, dass sich die Aktie nach den Zahlen um rund 8 Prozent bewegt, nach oben oder nach unten. Wer genauer rechnen will, multipliziert mit 0,85, weil der Straddle-Preis die erwartete Bewegung leicht überschätzt.
| Größe | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|
| Aktienkurs | 200 USD | Ausgangspunkt |
| Call am Geld, Fälligkeit nach den Zahlen | 8 USD | Preis für Kaufrecht |
| Put am Geld, gleiche Fälligkeit | 8 USD | Preis für Verkaufsrecht |
| Straddle-Preis | 16 USD | Summe beider |
| Implied Move | 8 % (rund 16 USD) | Erwartete Bewegung in eine der beiden Richtungen |
| Historischer Earnings Move (letzte 8 Quartale) | z. B. 5 %, 12 %, 3 %, 9 %, 7 %, 15 %, 4 %, 6 % | Vergleich: Wie oft lag die reale Bewegung über der erwarteten? |
Der Implied Move ist auf drei Arten nützlich. Erstens sagt er dir, wie weit dein Stopp mindestens vom Kurs entfernt sein müsste, um die normale Reaktion zu überleben. Zweitens zeigt er, ob Optionen und Optionsscheine vor den Zahlen teuer sind: Ein Implied Move von 8 Prozent bei einer Aktie, die sich historisch nur 4 Prozent bewegt hat, bedeutet überteuerte Optionen. Drittens ist er der Maßstab für die Reaktion selbst. Bewegt sich die Aktie nach den Zahlen nur 3 Prozent bei erwarteten 8, war der Termin für den Markt eine Nicht-Nachricht, und die Optionskäufer verlieren, egal in welche Richtung es ging.
Die Optionspreise findest du in der Optionskette deines Brokers, sofern er Optionen anbietet, oder auf kostenlosen Seiten wie Market Chameleon oder OptionCharts, die den Implied Move für US-Aktien direkt ausweisen.
Implizite Volatilität und IV Crush
Die implizite Volatilität (IV) ist die vom Optionsmarkt erwartete Schwankungsbreite einer Aktie, ausgedrückt als Jahreswert. Vor Quartalszahlen steigt sie, weil die Unsicherheit steigt: Niemand weiß, ob es 10 Prozent nach oben oder nach unten geht, also werden Optionen in beide Richtungen teurer. Unmittelbar nach den Zahlen fällt die IV schlagartig, weil die Unsicherheit weg ist. Diesen Einbruch nennt man IV Crush.
Für Käufer von Optionen und Optionsscheinen ist der IV Crush die teuerste Falle beim Earnings-Trading. Ein Beispiel: Du kaufst zwei Tage vor den Zahlen einen Call-Optionsschein bei einer IV von 80 Prozent. Die Zahlen sind gut, die Aktie steigt um 5 Prozent. Die IV fällt auf 40 Prozent. Dein Optionsschein hat durch den Kursanstieg gewonnen und durch den IV-Rückgang verloren, und je nach Restlaufzeit und Abstand zum Basispreis ist die Summe negativ. Du hattest recht mit der Richtung und verlierst trotzdem Geld.
| Produkt | Reaktion auf IV Crush | Folge beim Earnings-Trade |
|---|---|---|
| Optionsschein / Option (Käufer) | Verliert Wert, wenn die IV fällt | Richtung richtig, Trade trotzdem im Minus, wenn die Bewegung kleiner als der Implied Move ist |
| Option (Verkäufer, Stillhalter) | Gewinnt durch fallende IV | Profis verkaufen vor Zahlen Volatilität, für Privatanleger wegen unbegrenztem Risiko ungeeignet |
| Knock-Out-Zertifikat | Kein Einfluss der IV | Bildet die Bewegung eins zu eins ab, dafür Kurslücken-Risiko über die Schwelle |
| Aktie | Kein Einfluss | Nur die Kursbewegung zählt |
Die Konsequenz: Wer mit Optionsscheinen auf Quartalszahlen setzen will, muss nicht nur die Richtung, sondern auch die Größe der Bewegung richtig einschätzen. Sie muss den Implied Move übertreffen, sonst reicht der Kursgewinn nicht, um den IV Crush auszugleichen. Knock-Outs kennen dieses Problem nicht, dafür droht ihnen bei einer Kurslücke über die Schwelle der Totalverlust.
Wie implizite Volatilität, Zeitwert und innerer Wert den Preis eines Optionsscheins bestimmen, erklärt der Artikel Optionsscheine einfach erklärt: Call, Put und Hebel. Wie der VIX als Volatilitätsmaß für den Gesamtmarkt in den Fear and Greed Index einfließt, zeigt der Artikel Fear and Greed Index.
Quartalszahlen handeln: drei Ansätze
Es gibt drei grundsätzliche Wege, mit einem Earnings-Termin umzugehen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wann der Trade stattfindet und wie viel Unsicherheit du bewusst trägst.
Ansatz 1: Vor den Zahlen positionieren
Du kaufst oder hältst die Aktie durch den Termin hindurch und setzt darauf, dass die Reaktion positiv ausfällt. Das ist der Ansatz mit der höchsten Unsicherheit, denn du wettest auf ein binäres Ereignis, dessen Ausgang selbst das Management oft nicht kennt. Er kann sinnvoll sein, wenn du die Aktie ohnehin langfristig halten willst und die Position so klein ist, dass ein Minus von 20 Prozent nicht weh tut. Als Trading-Ansatz ist er dagegen eine Münzwette mit Hebel: Studien zeigen, dass die Richtung der Earnings-Reaktion im Vorfeld kaum vorhersagbar ist, auch nicht anhand des Konsens.
Ansatz 2: Nach den Zahlen handeln (Post-Earnings-Drift)
Du wartest die Zahlen und die erste Reaktion ab und steigst dann ein, wenn Zahlen, Guidance und Chartbild in dieselbe Richtung zeigen. Die Grundlage ist ein seit den 1960er-Jahren dokumentierter Effekt, der Post-Earnings-Announcement-Drift: Aktien, die nach einer positiven Überraschung steigen, driften in den folgenden Wochen tendenziell weiter nach oben, weil der Markt die neue Information nicht sofort vollständig einpreist. Nach negativen Überraschungen gilt das Gegenteil.
Dieser Ansatz verzichtet auf die ersten 10 Prozent der Bewegung und gewinnt dafür Information. Du weißt, wie die Zahlen ausgefallen sind, wie das Management den Ausblick formuliert und wie der Markt reagiert hat. Genau so arbeitet das Goldesel Trading Depot: Der Nachrichtenimpuls „gute Zahlen plus angehobene Prognose“ ist der Auslöser, die chart-technische Bestätigung, etwa ein Ausbruch über die 200-Tage-Linie oder ein Verlaufshoch, ist die Einstiegsbedingung. In der Praxis lohnt es sich, die erste Handelsstunde abzuwarten, weil die Eröffnungsreaktion oft überschießt und der Kurs danach ein verlässlicheres Niveau findet.
Ansatz 3: Vor den Zahlen aussteigen oder reduzieren
Du schließt eine bestehende Position vor dem Termin oder reduzierst sie auf eine Größe, deren Verlust bei einer schlechten Reaktion verkraftbar ist. Das ist der Ansatz für Swing Trader mit gehebelten Produkten und für alle, die mit einer Position gut im Plus liegen und diesen Gewinn nicht einer Münzwette aussetzen wollen. Wer bei einem Knock-Out mit Hebel 10 durch die Zahlen geht, hat keinen Trade mehr, sondern einen Lottoschein.
| Ansatz | Wann der Trade stattfindet | Unsicherheit | Chance | Für wen |
|---|---|---|---|---|
| Vorher positionieren | Vor den Zahlen | Sehr hoch, binäres Ereignis | Volle Bewegung, auch Gap | Langfristanleger mit kleiner Position, nicht für Hebelprodukte |
| Nach den Zahlen (Drift) | 1 bis 3 Tage nach den Zahlen | Mittel, Information liegt vor | Mehrwöchiger Trend nach der Überraschung | Swing Trader, Goldesel-Ansatz |
| Vorher raus oder reduzieren | Vor den Zahlen | Keine | Kein Gewinn aus der Reaktion, aber kein Verlust | Trader mit Hebel, Positionen mit hohem Buchgewinn |
Gap-Risiko und Positionsgröße: Warum der Stopp bei Earnings nicht schützt
Ein Stop-Loss schützt dich vor einem Kursrückgang, der Schritt für Schritt passiert. Bei Quartalszahlen passiert er nicht Schritt für Schritt. Die Aktie schließt bei 100 EUR, die Zahlen kommen um 22 Uhr, und der nächste Kurs, zu dem du handeln kannst, liegt bei 78 EUR. Dein Stopp bei 95 EUR wird zum nächsten verfügbaren Kurs ausgeführt, also bei 78. Das ist die Kurslücke, das Gap, und gegen sie hilft kein Stopp. Es hilft nur die Positionsgröße.
Die 1-Prozent-Regel aus dem Kapitel Risikomanagement muss deshalb bei Earnings anders angewendet werden. Statt vom geplanten Stopp gehst du vom realistischen Worst Case aus. Bei Einzelaktien sind Reaktionen von 20 bis 30 Prozent nach Zahlen keine Seltenheit, bei kleineren Werten auch 40 Prozent und mehr.
| Depot | Erlaubter Verlust (1 %) | Angenommenes Gap im Worst Case | Maximale Positionsgröße |
|---|---|---|---|
| 20.000 EUR | 200 EUR | 20 % | 1.000 EUR (5 % des Depots) |
| 20.000 EUR | 200 EUR | 30 % | 667 EUR (3,3 % des Depots) |
| 20.000 EUR | 200 EUR | 40 % | 500 EUR (2,5 % des Depots) |
| 20.000 EUR | 400 EUR (2 %, wenn bewusst gewählt) | 30 % | 1.333 EUR (6,7 % des Depots) |
Bei gehebelten Produkten ist die Rechnung noch strenger, weil ein Gap von 20 Prozent bei Hebel 5 den Totalverlust bedeutet. Die Regel im Goldesel Trading Depot lautet deshalb: Bei volatilen Werten vor den Zahlen höchstens 5 Prozent Depotgewichtung, und kein Hebelprodukt, dessen Schwelle innerhalb des Implied Move liegt. Wer mit einer 10-Prozent-Position durch die Zahlen gehen will, sollte sie vorher auf 5 Prozent halbieren und die andere Hälfte nach den Zahlen wieder aufbauen, falls die Reaktion stimmt.
Wie du die Positionsgröße nach Risiko berechnest und welche Formel dahintersteckt, erklärt der Artikel Positionsgröße berechnen: Formel und Rechner aus dem Kapitel Risikomanagement.
Checkliste vor jedem Earnings-Termin
Diese sieben Punkte gehst du für jede Position durch, bei der Quartalszahlen anstehen. Sie dauern zehn Minuten und ersetzen keinen Trade, aber sie verhindern die meisten Überraschungen.
| Punkt | Frage | Wo du die Antwort findest |
|---|---|---|
| 1. Termin | Wann genau kommen die Zahlen, vor- oder nachbörslich, in welcher Zeitzone? | IR-Seite, Goldesel-Aktienseite (Termine), Earnings-Kalender |
| 2. Konsens | Was erwarten die Analysten bei Umsatz, Gewinn und Guidance? | Goldesel-Analystendaten, finanzen.net, Broker |
| 3. Vorlauf | Wie ist die Aktie in den vier Wochen vor den Zahlen gelaufen? Stark gestiegen heißt hohe Erwartungen | Chart |
| 4. Implied Move | Welche Bewegung preist der Optionsmarkt ein, und wie groß waren die letzten acht Reaktionen? | Optionskette, Market Chameleon, OptionCharts |
| 5. Produkt | Halte ich Aktie, Knock-Out oder Optionsschein? Liegt eine Schwelle innerhalb des Implied Move? | Depot |
| 6. Positionsgröße | Überlebt mein Depot ein Gap von 30 Prozent bei dieser Position mit maximal 1 bis 2 Prozent Verlust? | Rechnung oben |
| 7. Plan | Was tue ich bei Beat mit angehobener Guidance, bei Miss mit gesenkter Guidance, bei gemischtem Bild? | Vorher schriftlich festlegen |
Der siebte Punkt ist der wichtigste. Wer sich den Plan vor den Zahlen aufschreibt, entscheidet in Ruhe. Wer ihn erst nach den Zahlen fasst, entscheidet in Panik oder Euphorie, und beides führt zu denselben Fehlern: dem Verkauf am Tief der Eröffnung oder dem Nachkauf am Hoch.
Was Quartalszahlen für Langfristanleger bedeuten
Nicht jeder muss Quartalszahlen handeln. Wer eine Aktie über Jahre hält, nutzt den Termin anders: als Gelegenheit, die eigene Investmentthese zu überprüfen. Wächst der Umsatz wie erwartet? Hält das Unternehmen seine Margen? Passt die Guidance zur Story, die du beim Kauf hattest? Die Kursreaktion des Tages ist dabei fast irrelevant. Eine Aktie, die nach guten Zahlen 8 Prozent fällt, weil die Whisper Number höher lag, hat ihre These nicht verloren. Eine Aktie, die nach schwachen Zahlen 5 Prozent steigt, weil Shorts eindecken, hat sie nicht bestätigt.
Für diesen Blick lohnt sich der Quartalsbericht selbst mehr als die Schlagzeile: die Entwicklung der Segmente, der Cashflow, die Kommentare des Managements im Earnings Call. Was Trader in Sekunden handeln, lesen Investoren in Ruhe am Wochenende.
Wie du Quartalsberichte liest, Kennzahlen einordnest und eine Investmentthese überprüfst, erklärt das Kapitel Aktien analysieren. Alle Lektionen dieses Kurses findest du auf der Kursseite Trading und Investieren für Fortgeschrittene.
Zusammenfassung: Earnings-Trading
✅ Kurse reagieren nicht auf die Quartalszahlen selbst, sondern auf die Differenz zur Erwartung. Die Guidance ist dabei meist wichtiger als die Zahlen des abgelaufenen Quartals.
✅ Der Earnings-Kalender ist Pflichtlektüre für jede Position. US-Unternehmen melden vor- oder nachbörslich, deutsche meist um 7 Uhr, Gewinnwarnungen per Ad-hoc jederzeit.
✅ Der Implied Move aus dem Straddle-Preis zeigt, welche Bewegung der Optionsmarkt erwartet. Er ist der Maßstab für Stopps, Produktwahl und die Bewertung der Reaktion.
✅ Der IV Crush nach den Zahlen ist die teuerste Falle für Käufer von Optionsscheinen: Richtung richtig, Trade trotzdem im Minus, wenn die Bewegung kleiner als der Implied Move ausfällt.
✅ Drei Ansätze stehen zur Wahl: vorher positionieren (binäre Wette), nach den Zahlen handeln (Post-Earnings-Drift, Goldesel-Ansatz) oder vorher aussteigen beziehungsweise reduzieren.
✅ Ein Stop-Loss schützt nicht vor Kurslücken. Die Positionsgröße muss vor Zahlen so gewählt sein, dass ein Gap von 30 Prozent höchstens 1 bis 2 Prozent des Depots kostet.
✅ Vor jedem Termin: Termin und Uhrzeit prüfen, Konsens und Vorlauf einordnen, Implied Move ablesen, Produkt und Positionsgröße kontrollieren, Plan für alle Szenarien aufschreiben.
✅ Langfristanleger nutzen Quartalszahlen nicht zum Handeln, sondern zur Überprüfung der Investmentthese. Der Bericht sagt mehr als die Kursreaktion des Tages.

Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Die Autoren sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse in den erwähnten Wertpapieren nicht investiert.
Häufige Fragen
Was passiert mit Aktien bei Quartalszahlen?
Der Kurs reagiert auf die Differenz zwischen den veröffentlichten Zahlen und den Erwartungen der Analysten sowie auf den Ausblick des Managements. Bewegungen von 5 bis 10 Prozent sind normal, 20 bis 30 Prozent kommen bei Einzelaktien regelmäßig vor. Die Reaktion erfolgt meist innerhalb von Sekunden nach der Veröffentlichung, oft außerhalb der regulären Handelszeit.
Soll ich Aktien vor oder nach den Quartalszahlen kaufen?
Für Trader ist der Kauf nach den Zahlen meist der bessere Ansatz, weil dann Zahlen, Guidance und Marktreaktion bekannt sind und der Post-Earnings-Drift eine mehrwöchige Bewegung ermöglicht. Vor den Zahlen zu kaufen ist eine Wette auf ein binäres Ereignis und nur mit kleiner Position und ohne Hebel vertretbar.
Was ist der Implied Move?
Die vom Optionsmarkt erwartete Kursbewegung nach den Zahlen. Sie ergibt sich aus dem Preis eines Straddles (Call plus Put am Geld) geteilt durch den Aktienkurs. Ein Straddle von 16 USD bei einem Kurs von 200 USD bedeutet einen Implied Move von rund 8 Prozent in eine der beiden Richtungen.
Was bedeutet IV Crush?
Der schlagartige Rückgang der impliziten Volatilität unmittelbar nach den Quartalszahlen. Vor den Zahlen sind Optionen wegen der Unsicherheit teuer, danach werden sie billiger. Käufer von Optionsscheinen können dadurch Geld verlieren, obwohl die Aktie in die richtige Richtung gelaufen ist.
Was ist der Post-Earnings-Announcement-Drift?
Ein seit Jahrzehnten dokumentierter Effekt: Nach einer positiven Gewinnüberraschung driften Aktien in den folgenden Wochen tendenziell weiter nach oben, nach einer negativen weiter nach unten, weil der Markt neue Informationen nicht sofort vollständig einpreist. Er ist die Grundlage für den Einstieg nach den Zahlen.
Wann werden Quartalszahlen veröffentlicht?
US-Unternehmen melden vorbörslich zwischen 12 und 14:30 Uhr deutscher Zeit oder nachbörslich ab 22 Uhr. Deutsche Unternehmen veröffentlichen meist um 7 Uhr vor Handelsbeginn. Die Termine stehen Wochen vorher auf den Investor-Relations-Seiten und in Earnings-Kalendern.
Schützt ein Stop-Loss bei Quartalszahlen?
Nicht vor Kurslücken. Wird die Aktie nach den Zahlen 20 Prozent tiefer eröffnet, wird ein Stopp bei minus 5 Prozent zum nächsten verfügbaren Kurs ausgeführt, also bei minus 20. Der einzige Schutz vor dem Gap ist eine Positionsgröße, die den Worst Case verkraftet.
Kann ich Quartalszahlen mit Knock-Outs oder Optionsscheinen handeln?
Möglich, aber mit besonderen Risiken. Optionsscheine leiden unter dem IV Crush und brauchen eine Bewegung über dem Implied Move. Knock-Outs kennen keinen IV Crush, können aber durch eine Kurslücke über die Schwelle wertlos werden. Beide Produkte sollten vor Zahlen nur mit einer Schwelle weit außerhalb des Implied Move und kleiner Position gehalten werden.